Alles begann in einem Club. In dieser runden Kuppel, für die ich von Bern extra nach Biel gereist war, weil sie besonders war. Weil dort die Musik lief, die ich damals liebte. Weil es sich nicht wie ein Club anfühlte – eher wie eine Welt aus Freiheit, Hoffnung und Abenteuer. Die Geschichte geschah nicht mir, aber ich war Zeugin.
Meine Freundin Helena und ich hatten uns ein Jahr zuvor an einem Konzert kennengelernt. Sie war schon immer eine aufgeschlossene, lebensfrohe Frau mit einer sprudelnden Energie gewesen. Schuhe mochte sie nicht besonders. Deshalb lief sie oft barfuß herum. Sie lächelte die Menschen an, denen sie begegnete – ganz gleich, ob jung oder alt, ob Mann oder Frau. Sie lächelte einfach. Und sie liebte diesen kreisförmigen Club, dessen Wände von kunstvollen Graffitis bedeckt waren, dessen Toilettentüren Liebesbekundungen trugen, eingeritzt von ungeduldigen Händen. In den dunkleren Ecken harrten die immer gleichen alten Typen, die den jungen Mädchen beim Tanzen zusahen. Helena verbrachte viel Zeit an diesem Ort. Sie liebte das Tanzen, die Musik, die Freiheit. Nicht die glotzenden Männer. Aber die waren einfach nur da. Meistens keine Bedrohung.
An diesem einen Abend erregte ihr Lächeln die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes. Vielleicht glaubte er, ihr Strahlen sei nur für ihn bestimmt. Er kam näher, hoffte auf ihre Zugewandtheit. Doch Helena hatte kein Interesse und wimmelte ihn höflich ab. „Nur ein Tanz“, bat er. Und weil Helena ein wenig Mitleid empfand, tanzte sie ein paar Minuten mit ihm, bevor sie sich wieder entfernte. Doch der Unbekannte ließ nicht locker. Er folgte ihr auf die andere Seite der Tanzfläche. Helena beschloss, ihn einfach zu ignorieren, und wimmelte ihn immer wieder freundlich ab.
Ein paar Tage später begegnete sie ihm auf der Straße. Ihr Herz schlug heftig gegen ihre Brust. Etwas Unheimliches lag in seiner Ausstrahlung. Er grüßte sie, doch sie grüßte nicht zurück. Er fragte nach ihrer Nummer, sie bat ihn, sie in Ruhe zu lassen. Er klebte an ihr wie Sekundenleim. Am Ende gelang es ihr, sich loszureißen. In ihr blieb eine leise Angst zurück.
Von diesem Moment an verging kaum ein Tag, an dem sie ihm nicht begegnete: Er tauchte in Geschäften auf, in denen sie einkaufte, kreuzte ihren Weg auf der Straße, erschien auf jeder Party, auf der auch sie war. Da begriff sie, dass die Situation ernst war. Es handelte sich nicht mehr nur um einen aufdringlichen Kerl aus dem Club oder von der Straße – nein, sein Verhalten war krankhaft.
Mit der Zeit fühlte sich Helena in ihrem Alltag eingeschränkt, denn es verging kaum ein Tag, an dem er nicht ihre Nähe suchte. Als würde er spüren, wo sie sich tagsüber aufhielt. Doch sie wollte ihr Freisein nicht verlieren und beschloss, ihr Leben weiterzuführen, als existierte er nicht.
Trotzdem blieb sie vorsichtig. Eines Tages fand eine Party in unserem geliebten Kuppel-Club statt. Wir waren uns sicher, dass er auch dort auftauchen würde. Also schmiedeten wir einen Plan, wie wir den Abend genießen und trotzdem sicher nach Hause kommen konnten.
„Ich kenne den Türsteher dort. Wie wäre es, wenn wir ihn bitten, auf uns aufzupassen? Und wenn wir gehen, begleitet er uns bis zu einem Taxi. Wenigstens weiß mein Stalker nicht, wo ich wohne.“
Ich fand die Idee clever. „So machen wir’s“, sagte ich.
Wir machten uns schön für die Party. Es war laut, stickig und überfüllt, als wir den Raum betraten. Die Musik dröhnte aus den Boxen. Körper klebten aneinander und bewegten sich im Takt der Klänge, die auch unsere Hüften nicht lange stillhielten.
Inmitten der bewegten Masse stand er. Sein Blick glitt über die Gesichter. Als er Helena sah, blitzten seine schiefen Zähne auf. Die dunklen, schulterlangen Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Doch als hätte er unseren Plan geahnt, blieb er uns fern. Erleichtert gaben wir uns der Musik hin. Schwitzten, kreischten, sangen und vergaßen die Zeit.
Doch wir wollten nicht die Letzten sein, die die Nacht verließen. Um drei Uhr morgens hielten wir uns an unseren Plan. Im Schutz des Sicherheitspersonals wurden wir zu einem Taxi begleitet.
Stolz und glücklich ließen wir uns bei Helena zu Hause auf ihr Bett fallen. Erst als die Sonne am Horizont erschien, waren unsere letzten Worte gesprochen, und ich machte mich auf den Weg. Helena begleitete mich bis zur Haustür. Unser Kichern hallte durch den Flur und verstummte, als ich die Tür öffnete.
Er war da. Nur ein paar Schritte entfernt.
Wie konnte das sein? Woher wusste er, wo Helena wohnte?
Ein Kloß bildete sich in meiner Kehle. Ich drehte mich zu Helena um. Ihre Augen röteten sich, Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Lass mich doch bitte in Ruhe!“, flehte sie.
Er machte einen Schritt auf uns zu. In seiner rechten Hand hielt er ein Foto von Helena, in der linken ein Messer.
„Ich liebe dich doch, Helena“, sagte er.
„Ich will nicht.“ Helena rang nach Luft.
Ich packte ihre Hand, zerrte sie hinter mir her, dann rannten wir. Wir rannten, so schnell wir konnten, ohne uns umzudrehen.
„Zur Polizei!“, keuchte Helena.
Wir zitterten. Die Sonne hatte inzwischen die Dunkelheit vertrieben. Eine Polizistin nahm sich unserer an. Wir erzählten ihr keuchend und mit rasendem Puls, was wir erlebt hatten. Helena schilderte, wie alles begonnen hatte. Die Beamtin schrieb mit, hörte zu – und schickte uns am Ende weg. Es sei nichts geschehen. Und solange das so sei, könne man nichts unternehmen.
Helena kehrte nicht nach Hause zurück. Eine Freundin holte sie ab und nahm sie zu sich. Ich nahm den Zug zurück nach Bern. Im Gepäck die Bilder der letzten Stunden.
Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass er ihr auflauerte. Einmal folgte er uns bis nach Bern im Zug. Dort suchten wir erneut die Polizei auf. Diesmal nahmen sie ihn fest. Zwei Stunden später war er wieder frei.
Dann kam der Abend, an dem Helena eine Verabredung hatte. Sie hatte jemanden kennengelernt und traf sich zum ersten Date mit ihm. Zuerst in einem Restaurant, später gingen sie weiter in die Kuppel. Helena fühlte sich sicher; schließlich war sie in Begleitung starker Arme. Vielleicht würde er endlich verstehen, dass er in diesem Leben keine Chance mehr bei ihr hatte.
Doch er war auch dort. Seine Hände ballten sich zu Fäusten – doch Helena wusste das zu diesem Zeitpunkt nicht. Sie ahnte nicht, dass in ihm das Blut loderte, seine Gedanken irrten und sein Adrenalin hochschoss.
Helena tanzte und lächelte, wie sie es immer tat. Bis ihre Augenlider schwer wurden und ihre Füße brannten. Sie bat ihre Begleitung, sie nach Hause zu bringen. Als die beiden durch die leeren Straßen gingen – nur ein paar grölende Gestalten hielten sich noch draußen auf –, bemerkten sie bald, dass sie verfolgt wurden. Schritte kamen näher.
Eine Hand packte Helenas Begleitung an den Schultern. Etwas Spitzes, Metallenes blitzte auf.
„Achtung, ein Messer!“, schrie Helena geistesgegenwärtig.
Ihre Begleitung entriss dem Angreifer das Messer und rammte es ihm in den Rücken. Helena schrie auf. Der Angreifer war ihr Stalker. Nun lag er am Boden und schrie vor Schmerz.
„Geh!“, brüllte sie ihre Begleitung an. „Na los!“
Schnell rief sie den Notruf und blieb bei ihm, bis Hilfe eintraf.
Er wurde ins Krankenhaus gebracht und gesundgepflegt. Helena stand noch wochenlang unter Schock. Die Bilder holten sie nachts ein. Das Messer – es hätte ihrer Begleitung gegolten. Oder vielleicht ihr selbst.
Er überlebte. Und es war der Moment, in dem er aufhörte, ihr aufzulauern.
Sie hätte sich damals gewünscht, es wäre nie so weit gekommen. Doch wie hätte sie es verhindern können? Die Verantwortung lag nicht auf ihren Schultern. Sie lag dort, wo ein System nicht genau genug hinsah, wenn ein Mensch sich bedroht fühlte.
Die gute Nachricht ist: Seit dem 1. Januar 2026 ist Stalking in der Schweiz strafbar. Täterinnen und Täter müssen mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren rechnen.

