Die Fasnacht ist vorbei, doch auf dem Neumarktplatz leuchten noch immer die Schriften der Fahrgeschäfte, die während zwei Wochen so manches Kinderherz höherschlagen lassen. Es ist die Zeit des Lunaparks: ein überschaubarer Rummelplatz mitten in der Stadt. Da wäre der Pegasus – ein wilder Ritt durch die Lüfte mit Schwindelgarantie und Kreischkulisse. Auf der anderen Seite rammt man sich im Putschauto gegenseitig und fühlt sich wie eine kleine Königin oder ein kleiner König der Lenkkünste. Es gibt eine Trampolinlandschaft, mehrere Karussells und natürlich die Gruselbahn.
Ein bisschen Herzklopfen kann nicht schaden, dachte ich mir. Zwei Wochen zuvor war ich mit meiner Tochter bereits in der Bahn der Gespenster und Monster gewesen – und wir hatten uns schlappgelacht. Ja, es war die Europapark-Geisterbahn auf Temu bestellt, aber wenn es ganz dunkel ist – draussen wie drinnen – kitzelt es doch hie und da in der Bauchgegend.
Also wünschte sich meine Tochter einen weiteren Besuch in unserem kleinen Spasspark – und ich wollte ihr diesen Wunsch erfüllen. Zwischen den Beats des Pegasus und dem Bling der Boxmaschine herrschte gähnende Leere. Gelangweilt liessen die Betreiber der Fahrgeschäfte ihre Blicke auf ihre Handys sinken, nur vereinzelt streiften ein paar Leute an uns vorbei. Die Lichter wirkten traurig inmitten dieser Ausgestorbenheit, und die Zuckerwatte drehte einsam ihre Runden.
So ganz allein fühlte sich eine Fahrt in der Geisterbahn dann doch etwas beunruhigend an, aber ich steckte die Nervosität weg und liess mich von meiner Tochter zur Kasse schieben.
„Zwei Personen, bitte.“ – „Macht dann zehn Franken.“
Wir setzten uns in den Gitterwagen, die Tür wurde geschlossen, und ein kleiner, rundlicher Mann nahm uns die Tickets ab.
„Na, habt ihr Angst?“, fragte er belustigt.
„Und wie“, antwortete ich und wollte das Gespräch rasch beenden. Doch er schien in Plauderlaune.
„Tja, das würde ich an eurer Stelle auch sein; es hat nämlich Kinderfresser in der Bahn.“
Ich zwang mich zu einem Lächeln.
„Na, hoffentlich nicht.“
„Aber sicher! Die sind extra aus Zürich gekommen. Kleine Kinderfresser – ihr werdet schon sehen.“
Sein Schnauz zitterte vor Aufregung. Einen weiteren Gast, der mitfahren wollte, scheuchte er kurzerhand weg. In diesem Moment wollte ich eigentlich schon wieder aussteigen.
Die Bahn ratterte los. Ein verwahrloster Teufel sprang uns entgegen, von oben fiel eine Mumie herab, Gespenster leuchteten an den Wänden. Doch plötzlich öffnete sich unsere Wagentür.
„Mama, die Tür ist auf!“
Ich konnte in der Dunkelheit nichts erkennen. Hände berührten unsere Beine. Ich schrie auf. Eine Männerstimme lachte, während die Hände uns verfolgten und sich erneut gegen unsere Unterschenkel drückten. Ich hielt meine Tochter fest, fragte sie, ob sie Angst habe, und hoffte, dass das Ende bald nahte.
„Na, kamen die Kinderfresser?“, fragte der kleine Mann mit der runden Brille, als wir ausstiegen.
„Das waren bestimmt Sie.“
Er verneinte. Er habe uns ja gewarnt – die Kinderfresser seien echt.
Ich runzelte die Stirn. Worte, die sich erst formen mussten, blieben mir auf der Zunge hängen. Ich spürte im Nacken, wie der Mann uns noch lange nachsah, als wir uns entfernten.
„Mami, du hast mir den Abend verdorben“, sagte meine Tochter vorwurfsvoll.
„Warum denn, mein Schatz?“
„Na, du hast gesagt, dieser Mann hätte uns angefasst. Ich wollte eigentlich glauben, es wären Puppen gewesen. Jetzt finde ich diese Bahn scheisse.“
Ich konnte es ihr nicht verübeln. Denn angesichts der jüngsten weltlichen Geschehnisse wirkt diese Erfahrung plötzlich wie ein versteckter Hinweis.
Vielleicht war das Gruseligste an diesem Abend nicht die Bahn, sondern die Erkenntnis, dass manche Ungeheuer unverkleidet am furchterregendsten sind.

