Stimme gegen das Schweigen – ein Portrait

„Schäme dich nicht, rede über das, was dich bewegt. Du bist nicht allein. Wir sind viele“ – Dominique Hodel

Dominique wuchs in Grenchen auf, in einer kleinen Wohnung, die manchmal enger war als ihr kindlicher Blick es ertragen konnte. Ihre Mutter, eine Frau mit stillen Narben und einer Entschlossenheit, die man erst versteht, wenn man sie lange kennt, zog sie allein gross. Von ihrem Vater blieb nur ein Schatten, ein Name, ein Kapitel, das schmerzlich abgeschlossen wurde. Sie hatte ihn nie kennengelernt, nur die Kenntnis von seinen Taten und der Zeit, die er hinter Gittern verbrachte. Stattdessen trat früh ein Stiefvater in ihr Leben, und mit ihm eine neue Form von Normalität. Ein sicherer Hafen inmitten kleiner Stürme, die der Alltag mit sich brachte.

Die finanziellen Verhältnisse waren bescheiden, manchmal schmerzhaft knapp. Dominique lernte früh, dass Wünsche warten müssen und Verantwortung kein Wort ist, sondern ein Zustand. Und doch trägt sie eine Wärme in sich, die man nicht kaufen kann. Sie erinnert sich gern an die Geräusche ihrer Kindheit: Sprachen, die ineinanderflossen wie Wasserfarben, Gerüche aus Küchen, die Geschichten erzählten, die weit über Grenchen hinausreichten. Dieses multikulturelle Umfeld wurde zu ihrem inneren Kompass. Noch heute wird sie an Feste eingeladen, an denen sie die einzige ohne Migrationsgeschichte ist — und doch gehört sie dazu.

Ihre eigene Verwandtschaft hingegen war bürgerlich, ordentlich, korrekt — und manchmal eng im Denken. Vielleicht war es genau diese Enge, die sie in der Jugend aufbrechen wollte. Dominique wurde rebellisch, trat der Juso bei, organisierte Demonstrationen, stand auf Plätzen, auf denen man laut sein musste, damit überhaupt jemand zuhörte. Ihre Verwandten blätterten die Zeitung auf und fanden sie dort wieder, mit entschlossenem Blick und klarer Haltung. Es missfiel ihnen. Ihr war das egal. Oder zumindest tat sie so.

Schon während der Schulzeit öffnete ihr Engagement ihr die Türen zur Jugendsession in Bern. Für Dominique war die Meinungs- und Versammlungsfreiheit nie bloss ein Recht, sondern ein Versprechen: dass man die eigene Stimme nicht verschwenden darf.

Mit 21 lernte sie ihren ersten Freund kennen. Es war eine ausgelassene Nacht, Musik, Discolicht, ein Moment, in dem die Welt weichgezeichnet war. Er war bürgerlich und ein Mann mit Rang im Militär — ein Gegenentwurf zu allem, was sie war. Eigentlich gab es viele Warnsignale, doch sie übersah sie. Oder wollte sie übersehen. Manchmal ist das Bedürfnis nach Zuneigung lauter als die roten Fähnchen.

Er erzählte von juristischen Problemen mit seiner Ex-Partnerin, stellte sich als Opfer dar, und Dominique schob ihr Bauchgefühl beiseite, glaubte ihm. Sie war beeindruckt von seiner Grosszügigkeit, von den spontanen Reisen, die er ihr schenkte. Für ein Mädchen, das nie viel hatte, fühlte sich dieses „Love-Bombing“ wie ein Märchen an. Er behandelte sie wie eine Prinzessin — und sie, die sich nie so gefühlt hatte, liess sich davon blenden.

Doch Märchen haben Risse. Erst kleine, dann tiefe. Er begann, ihre politische Aktivität zu kritisieren. Im Militär, sagte er, hätten sie Probleme damit. Aus Rücksicht — oder aus Angst, ihn zu verlieren — liess sie ihre politische Arbeit fallen. Stück für Stück wurde sie stiller. Ihr Umfeld bemerkte es. Der Glanz, der sie immer begleitet hatte, wurde schwächer.

Als sie ihm ihre Sorgen anvertraute, begann er, sie von ihrem Umfeld abzukapseln. Und als sie zusammenzogen, kippte etwas. Die Gewalt kam nicht plötzlich, sondern schleichend. Er gab ihr die Schuld für seine Wut. Unter dem Bett lag eine Waffe. Allein ihr Wissen darum reichte, um Angst zu einem ständigen Begleiter zu machen.

Er verletzte sie so schwer, dass ihr Rücken dauerhaften Schaden davontrug. Die Arbeit im Gartenbau musste sie aufgeben. Im Spital sagten die Ärzte ihr, dass sie, sollte sie noch einmal so eingeliefert werden, vielleicht nicht überleben würde. Zuerst empfand sie diese Worte als unverschämt. Doch später begannen sie in ihr zu arbeiten. Sie erkannte ein Muster, das sie lange nicht hatte sehen wollen.

Sie brauchte sieben Jahre, um sich zu lösen. Sie erstattete keine Anzeige — nicht aus Schwäche, sondern aus Erschöpfung, aus Angst, aus dem Bedürfnis, einfach nur zu entkommen. Doch sie suchte Hilfe. Eine Psychologin wurde zu einem sicheren Ort, und mit ihrer Unterstützung schaffte Dominique den Schritt hinaus. Er machte es ihr nicht leicht. Er drohte, stellte ihr nach. Erst als sie alleine wohnte, begriff sie das Ausmass dessen, was sie durchlebt hatte.

Als die Organisation Sister Domestic Violence gegründet wurde, sprach sie zum ersten Mal mit anderen Frauen darüber. Dort fühlte sie sich verstanden. Heute ist sie Präsidentin dieser Organisation. Sie will nicht als Opfer gesehen werden — und sie weiss, dass viele Betroffene dasselbe empfinden. Aus ihrer Erfahrung hat sie Kraft geschöpft. Sie ist erblüht, hat ihre Stimme wiedergefunden und nutzt sie, um anderen Mut zu machen.

Nach und nach kehrte sie zur Politik zurück. Bei der SP engagierte sie sich besonders für Frauen, Familien und den Schutz vor häuslicher Gewalt. Bei einer Sitzung mit der sdv (Sister Domestic Violence) sagte sie einmal scherzhaft: „Ich werde Stadträtin, dann können wir unsere Anliegen besser durchsetzen.“ Zwei Wochen später wurde sie tatsächlich angefragt. Und sie wurde gewählt.

Endlich wird sie gehört.

Ihr Leben ist heute prall gefüllt mit Terminen, Sitzungen, Gesprächen. Sie nutzt die Privilegien, die sie in der Schweiz hat, um eine Stimme für jene zu sein, die weniger Gehör finden. Sie spürt einen drängenden Freiheitsdrang, ein Bedürfnis, noch mehr zu verändern. Sie weiss aber auch, dass politisches Engagement Schattenseiten hat. Anfeindungen gehören dazu. Doch sie lässt sich nicht beirren.

Tiere liegen ihr besonders am Herzen. Ein Traum begleitet sie seit Jahren: eines Tages einen Gnadenhof zu eröffnen. Einen Ort, an dem verletzte Wesen — ob Mensch oder Tier — wieder Frieden finden können.

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