Nur ein kurzer Moment im Leben gehört der uneingeschränkten Freiheit: die Vorschulzeit. In dieser Phase erkunden Kinder unbefangen die Welt, in die sie hineingeboren wurden. Sie dürfen etwas tun, das später kaum mehr geduldet wird: scheitern. Wir sehen ihnen zu, wie sie hinfallen, wieder aufstehen, mutig Neues ausprobieren – und wir finden es liebenswert, selbst wenn es beim hundertsten Versuch nicht klappt.

Doch irgendwann dreht sich etwas. Ein unsichtbarer Hebel wird umgelegt. Aus Lobliedern werden Ermahnungen. Wo früher ein Lächeln zu gewinnen war, wartet nun ein Stirnrunzeln. Scheitern wird unerwünscht. Mit jedem Fehltritt rückt man ein Stück näher an die innere Anklagebank.

Dabei vergessen wir, dass wir Kinder nicht bewundern, weil sie alles können, sondern weil ihre Augen leuchten, wenn sie entschlossen in unbekannte Gewässer springen. Dieses innere Licht beginnt zu brennen, sobald jemand etwas mit echter Freude tut. Ob daraus später Erfolg entsteht oder jemand zum Profi wird, spielt keine Rolle. Der Zauber liegt im Anfang, im Versuch, im Mut.

Unsere Welt scheint überschattet von Erwartungen: viele Follower:innen, materieller Reichtum, Sichtbarkeit, Bestnoten, prestigeträchtige Abschlüsse, ein angesehener Job, ein Leben entlang vorgezeichneter Pfade. Wer nicht in diesen Rahmen passt, wird aussortiert, oder fühlt sich zumindest so.

Bevor Kinder zur Schule gehen, tragen sie einen wissbegierigen Geist in sich. Sie stellen Fragen, klettern auf hohe Gerüste, folgen ihren Impulsen. Umso trauriger ist es, dass in der westlichen Gesellschaft, die sich selbst an der Spitze der Weltordnung sieht, Kinder ihr inneres Feuer verlieren und sich schon vor ihrem zehnten Geburtstag fragen, wozu sie eigentlich hier sind. Sie dürfen nicht verlieren, nicht fallen, keine Fehltritte machen. Nicht scheitern.

Je länger ich auf diesem Planeten lebe, desto öfter wandert mein Blick in die Lücken des Systems. Dorthin, wo Narben zu Kunst werden. Wo Blumen blühen und verwelken dürfen. Wo Ausrutschen nicht als Versagen gilt, sondern als Teil des Natürlichen. Als Prozess des Lebens.

Vielleicht wäre es befreiend, zu wissen, dass es nicht unsere Aufgabe ist, gesellschaftlichen Bildern zu entsprechen. Dass es genügt, der eigenen Freude zu folgen – selbst wenn die Gefahr des Scheiterns gross ist. Scheitern ist gut. Scheitern gehört zum Leben. Es zeigt, dass wir es versucht haben. Es ist ein Schulterklopfen wert.

Wir sind keine Maschinen. Wir sind Lebewesen. Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, sich für das eigene Sein zu bestrafen. Und auch nicht darin, andere dafür zu verurteilen, dass sie einfach versuchen, das Leben zu verstehen.

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