Sommer 2006


Mit bester Laune und völlig ausgelassen singe ich den Refrain meines
Lieblingssongs mit, der lautstark aus meinem kleinen, wasserdichten Lautsprecher
ertönt. Obwohl ich mich zu Anfang gesträubt hatte, genieße ich nun das kalte
Wasser auf meiner Haut. Normalerweise dusche ich lauwarm, aber die hohen
Temperaturen zwingen mich dazu, meine Gewohnheiten kurzzeitig umzustellen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit wickele ich mich in ein flauschiges Handtuch und
steige, noch immer singend, aus der Wanne. Während ich mich heftig trocken
schrubbe, erwische ich mich dabei, wie ich mir wünsche, meine dunkle Haut durch
das starke Schrubben ein wenig aufhellen zu können. Ich hasse mich dafür, dass ich
so denke. Und ich hasse mich noch mehr, als ich die Tube der Bleaching-Creme
öffne, eine große Menge zwischen meinen Handflächen verreibe und jede Fläche
meines Körpers sorgfältig damit bedecke. Die Creme riecht ein bisschen nach
Kokosnuss und dieser unschuldige Duft vertreibt meine Schuldgefühle in die
hinterste Ecke meines Gehirns. Konzentriert betrachte ich mein Gesicht. Seit
nunmehr zwei Wochen benutze ich nun schon die Creme, die das Melanin aus der
Haut lösen soll und erkenne endlich deutlich, dass meine Haut, besonders an den
Wangen und auf der Stirn, heller geworden ist. Freudestrahlend tanze ich durch
mein großes Badezimmer.


Frühjahr 2014


Meine Hände zittern, als ich sie in meinen Schoß lege und die Frage, die gerade in
den Raum geworfen wurde, in meinem Kopf zunächst einmal wirken lasse.
»Ich glaube«, setze ich dann schließlich stockend an, »dass ich mich einem
vermeintlich eurozentrischen Gesellschafts- und Schönheitsbild unterordnen wollte.
Ich wollte nicht weiß, sondern eine »schönere Schwarze« sein. Ständig wurde mir
verkauft, dass Schwarze Menschen nur dann schön seien, wenn sie helle Haut
hatten. Ich habe mich in diese verzerrte Definition von Schönheit verrannt, aber auch
in meiner Verwandtschaft wurde das mit Kommentaren wie »Du bist dunkler
geworden« oder »Wenn du nicht auch endlich anfängst die Wundercreme zu
benutzen, dann kriegst du nie einen ab« bekräftigt. Wenn man das ständig zu hören
bekommt, von Kind auf, dann glaubt man das irgendwann auch…«
Meine Stimme bricht und Isa, meine Therapeutin, reicht mir ein Taschentuch.


Winter 2022


Heute liebe ich meine Schwarze Haut und trage sie voller Stolz in die Welt hinaus.
Doch es war ein langer und steiniger Weg bis hierhin. Ein Weg voller Selbstzweifel,
Selbsthass, Tränen, Wut, Einsamkeit. Mittlerweile bin ich wieder genauso dunkel wie
zu der Zeit, als ich noch keine Bleaching-Creme benutzt habe. Tatsächlich hatte
mich die »Wundercreme« sehr schnell wirklich hell gemacht. So hell, dass mich
fremde Personen fragten, welcher Elternteil weiß sei. Ich glaube, das war der
Moment, als mir klar wurde, dass ich mir und meiner Herkunft Unrecht tat.
Tragt eure wunderschöne Haut mit Stolz, schämt euch nicht, versteckt euch nicht,
bleicht sie nicht. Zeigt der Welt eure Schwarze Haut, eure Narben, euren Kampf.
Seid laut und dann nie mehr leise!

Autorin: Brigitte Lunguieki Malungo – Meine Haut packt aus

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