Ich gestehe, dass mich die Weltlage nicht kalt lässt. Wie kann sie auch? Ich spüre den Weltschmerz in meiner Brust, da, wo mein Herz schwer wird, wenn ich mit offenen Augen durchs Leben gehe. Und doch gibt es etwas, was stärker ist, als jegliche Kontrolle durch Politiker, elitäre Gruppen oder Extremisten; die Natur der Dinge.

Mir wurde einmal gesagt, ich soll keine Nachrichten mehr konsumieren, die Sozialen Medien meiden und den Blick stets nach der Sonne ausrichten. Es mag sein, dass ich dadurch ein beachtliches Stresslevel vermeiden kann und sich die Welt hinter dem sicheren Zaun meines Gartens harmlos anfühlt. Es ist auch nicht zu empfehlen den Geist stetig mit dystopischen Weltuntergangs-Szenarien zu füttern und die eigene Lebensfreude langsam aber sicher in den Tiefen der mentalen Gesundheit zu vergraben. Die Lösung, ignorant der mir schleierhaften Ideologien gewisser Machthaber entgegenzutreten, scheint mir dennoch falsch zu sein.

Als Mensch mit einer ausgeprägten Palette an Gefühlen und einem starken Empathie-Empfinden, ist es sicher von Vorteil, acht zu geben, mich regemässig vor den bitteren Schlagzeilen zu schützen, die sich mir täglich aufdrängen. Dennoch, selbst wenn ich versuche in meinem kleinen Rahmen zu bleiben und die Welt, Welt sein zulassen, werde ich nicht von den Auswirkungen dieses immensen Ungleichgewichts verschont, das sich wie ein Virus immer mehr in der Gesellschaft auszubreiten scheint.

Plötzlich stehen Freundinnen von mir ohne Arbeit da, perspektivenlos und ausgebrannt durch den gewaltigen Leistungsdruck im Nacken. Geplagt von ständigen Schuldgefühlen, sei es ihren Kindern gegenüber oder dem System. Sie verbringen schlaflose Nächte mit kreisenden Gedanken, ohne befriedigenden Antworten. Sie begleiten ihre Kinder zum Psychologen, der, selbst am Rande der Erschöpfung, versucht, die Löcher zu stopfen, die durch die immense Erwartungshaltung von Aussen entstanden sind.

An allen Ecken wird geschraubt, geflickt, laut demonstriert oder leise ignoriert. Es wird beobachtet wie sich das Klima verändert, wie sich Bedingungen erschweren. Es wir geforscht und analysiert, Erkenntnisse verbreitet. Wir spüren es alle anhand des eigenen Nervensystems, wie sich die Schlinge immer enger zieht und chaotische Ereignisse erzeugt werden. Und obwohl wir alles zu wissen scheinen, die Zusammenhänge erkennen, die Lösung vor Augen haben, scheint sich die Schere immer mehr zu weiten, die Kluft immer grösser zu werden zwischen arm und reich, links und rechts.

Es scheint vieles so klar und doch ist unsere Sicht verschwommen. Als wäre die Veränderung, die die Welt wieder in Ordnung rückt, hinter einem dicken Nebel verschleiert. Dabei könnte es so einfach sein, denn Wege fänden sich, wie der Löwenzahn im Asphalt gedeihen kann. Man kann noch so viel zubetonieren, Strassen bauen und Zäune immer höher errichten; Bäume können auch durch metallene Drähte wachsen, auch Kraut bahnt sich immer wieder seinen Weg.

Und vielleicht liegt darin der Schlüssel; in der Stille, in den bescheidenen Bedingungen, die ausreichen zum Leben. Vielleicht müssen wir lernen zu verzichten. Verzichten auf alles, was den Krebs füttert, den unsere Gesellschaft auffrisst. Vielleicht müssten wir entschleunigen, die Wirtschaft herunterfahren, weniger Geld anhäufen, dafür umso mehr Zeit. Weniger konsumieren, was von weit her kommt und mehr kultivieren was um uns liegt. Später aufstehen und früher ins Bett gehen. Weniger reden und mehr zuhören.

Es ist gewiss nicht leicht aus dieser todesähnlichen Spirale auszutreten, so wie es den Ameisen ergeht. Sie verfolgen die Pheromonspuren ihres Vorgängers und wandern bis zur Erschöpfung einander hinterher. Es braucht Mut auszubrechen, wenn mit dem Finger auf einen gezeigt wird und wenn sich diese Spirale so vertraut anfühlt. Besonders für diejenigen, die es sich gemütlich gemacht haben darin, denen der eigene Weg nicht so ermüden und schwer erscheint. Es sind vor allem diejenigen, deren Leben ihnen wie ein endloser Kampf erscheint. Der Geldbeutel leer, Urlaub eine Wunschvorstellung, immer am irgendwo am Rande der Gesellschaft, die sich eine Veränderung wünschen. Und doch betrifft es auch die am oberen Rand der Menschheit, wenn sich irgendwann kein medizinisches Personal mehr finden lässt und das Wasser vergiftet ist. Wenn die Kriminalität nicht mehr nur eine weitere Schlagzeile in den Medien ist, sondern sich vor der eigenen Haustür abspielt.

Und ich frage mich, wann ist es denn zu spät? Wie lange bleibt uns noch, um das Ruder umzureissen? Wie viele stauen noch Wut in sich an, resignieren oder werden immer lauter?

Es sind trübe Aussichten, ohnmächtige Gedanken die mich plagen, wenn ich morgens die Augen öffne und Abends unter meiner weissen Gewichtsdecke verschwinde. Doch es sind die Gedanken an Beton, durch die früher oder später immer wieder eine Pflanze wachsen wird. Der Beton sind die Mächtigen, der Löwenzahn sind wir, die Hoffnung in uns tragen.

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