Eines Morgens teilte mein Mann mir mit: „Eslem, ich werde bald nach Paris fliegen. Mein Cousin hat eine Arbeitsmöglichkeit für mich. Sobald die Zwillinge zur Welt gekommen sind, werde ich dich nachholen. Du wirst sehen, alles wird gut.“
Ich erinnere mich an die Hitze, die seine Worte in mir auslösten. Sie durchzuckte meinen Körper wie eine scharfe Klinge. Die Geburt der Zwillinge stand unmittelbar bevor. Obwohl ich vorbereitet war und mich auf die Mutterschaft freute, spürte ich eine tief verwurzelte Sorge, die aus unseren Lebensumständen resultierte. Plötzlich sah ich mein Leben an mir vorbeiziehen. Die Situation in Algerien war herausfordernd, die Zukunft unserer Kinder ungewiss. Ich hatte mein Heimatland kaum verlassen – lediglich Reisen von Medea nach Algier und ein einziger Besuch bei Verwandten in Batna. Die Vorstellung von einer vernebelten Zukunft, dem Unbekannten und der Trennung von meiner Heimat erfüllte mich mit Angst. Was, wenn ich mich einsam fühle? Wenn ich die Menschen nicht verstehe? Es heisst, Frauen mit Hijab würden in Europa Diskriminierung und Anfeindungen erfahren. Diese Befürchtung lastete schwer auf mir – sowohl in Hinblick auf meine eigene Zukunft als auch die meiner Kinder. Am schmerzhaftesten war der Gedanke, meine Mutter und meine Schwester zurückzulassen. Die Menschen, die mir so nahestehen, dass ich noch heute ihre Seufzer im Nacken spüre, wenn sie nur an mich denken, oder damals hinter meinem Rücken die Augen verdrehten, wenn wir uns beim gemeinsamen Kochen stichelten. Trotzdem war es keine Option, in Algerien zu bleiben. Ohne meinen Mann hätte ich den Respekt und die Unterstützung der Gemeinschaft verloren und eine berufliche Zukunft, erst recht als Mutter, wäre für mich kaum auszumalen gewesen.
Einige Tage nach Khaders Abreise kamen die Zwillinge zur Welt. Zwei Mädchen. Ihre Augen mandelförmig, die Haut zart wie Seide.
„Du musst dich für ein Kind entscheiden. Eines der Mädchen wird bei meiner Schwester aufwachsen, wir können nicht beide mitnehmen. Noch nicht.“ Khader sagte es mit der Stimmlage, mit der man über Möbelstücke spricht. Nimm nur diesen einen Stuhl mit, für mehr ist kein Platz in der neuen Wohnung. Ich wusste, er versuchte, sein Herz zu schützen – die Gleichgültigkeit war eine Mauer, um die Schuldgefühle fernzuhalten. Ich beneidete ihn darum.
In jener Nacht liess ich meine Töchter bei meiner Schwester. Meine Brüste schmerzten vor überschiessender Milch. Ich packte, lenkte mich ab. Ich schrubbte die Wohnung, bis meine Arme brannten, bis nichts mehr zu tun blieb, ausser den Schmerzpunkt unter den Rippen zu fühlen. Die Sonne tauchte bereits am Horizont auf, als ich auf dem Küchenboden zusammenbrach und die Tränen unaufhaltsam flossen.
Meine Methode, wenn ich glaubte, keine Luft mehr zu bekommen, war es, mein Gesicht mit kaltem Wasser zu bespritzen. Ich glaube, an jenem Morgen habe ich mir einen ganzen Eimer über den Kopf geschüttet. Danach holte ich Meriem bei meiner Schwester ab. Asma liess ich zurück. Später holte Kaders Schwester sie zu sich.
In Paris fiel mir zuerst die Hektik auf. Ich musste mich erst daran gewöhnen, an die schnellen Schritte der klappernden Stöckelschuhe auf der Strasse, an die getakteten Busfahrpläne. Nachts träumte ich von Asma und wachte am nächsten Morgen schweissgebadet auf. Jedes Mal erschrak ich, wenn der Tag bereits angebrochen war und Meriem durchgeschlafen hatte – als wollte sie ohne ihre Schwester nicht aufwachen.
Nach einem Jahr fand Khader Arbeit in der Schweiz. In Frankreich lebten wir bis dahin mit seinem Cousin, dessen Frau und ihren drei Kindern. Ich mochte die Frau seines Cousins nicht besonders, weshalb ich erleichtert war, als wir fortzogen. Die Schweiz kannte ich nur aus dem Fernseher – die Berge, die Schokolade, die Banken. Ich glaubte, dass wir unseren Kindern dort eine gute Zukunft ermöglichen konnten. Anders, als in Frankreich, so hörte ich, würden Ausländer nicht wie Staub in eine Ecke geschoben werden, um sie zusammenzupferchen in eine Ecke, wo sie sich getrennt von der französischen Gesellschaft zurechtfinden müssen. Man hört so einiges – von Verwandten, Bekannten, von Fremden auf dem Markt oder beim Schumacher um die Ecke. Was wahr ist und was nicht, kann man am Ende nur selbst herausfinden. Die Gerüchte liessen mir den Schauer über den Rücken krabbeln. Manchmal waren sie unerträglich. Doch sie sind leichter zu ertragen, als der Gedanke, in Algerien zu bleiben.
Die Hoffnung, meine andere Tochter nachzuholen, schlummerte noch in mir.
Doch eines Tages erklärte mir Khader, dass dies unmöglich sei – die Geburtsunterlagen von Asma waren geändert worden, offiziell galt sie nun als Tochter seiner Schwester. In diesem Moment zerbrach etwas in mir. Nicht wie eine Vase, die sich mühsam zusammensetzen liess, um wenigstens noch ihre Funktion zu erfüllen. Nein, es war wie bei einer Vase, der ein Stück fehlte – unwiederbringlich verloren.
Meriem blieb stets schweigsam. Während andere Kinder in ihrem Alter zu sprechen begannen, blieb sie stumm wie ein Fisch. Im Gemeindezentrum lernte ich ein paar Frauen kennen. Dort gab es Deutschkurse und Spielvormittage, um Kontakte zu knüpfen. Ich bemühte mich, die Sprache zu lernen, aber jedes Mal, wenn ich mich mit meinem gebrochenen Deutsch verständigen wollte, überkam mich das Gefühl, nicht gemocht zu werden. Mir fiel es besonders schwer, den Dialekt zu verstehen. Wenn ich stolz meine neu erworbenen Sätze zum Besten gab, wurde ich anfangs schnell wieder auf den Boden der Tatsachen geholt, wenn die weissen Frauen um mich – jede auf ihre Weise – in unverständlichen Sätzen antwortete.
Heute, zwölf Jahre später, habe ich eine weitere Tochter. Sie ist mittlerweile sechs Jahre alt. Ich hatte mir immer vorgestellt, einmal von einer grossen Kinderschar umgeben zu sein. Doch hier fühle ich mich oft allein und verspüre den Wunsch zu arbeiten. Es fehlt die Gemeinschaft, die Familie – hier Kinder grosszuziehen, ist mit Terminen und Organisation verbunden. Nicht nur für mich, auch um ein Vorbild für meine Töchter zu sein, suche ich mir eine Stelle. Als Mutter mit Kopftuch gleicht es der Suche nach dem verlorenen Ehering am Meeresgrund. Es kommt häufig vor, dass ich mich erklären muss: Warum ich ein Kopftuch trage, ob mein Mann mich dazu zwingt. Doch mein Kopftuch ist ein Teil von mir. Es verbindet mich mit dem tiefen Wissen in mir, dass alles im Leben einen höheren Sinn hat. Dieses kleine Stück Stoff steht zwischen mir und den Träumen, die ich hüte. Es abzulegen, würde sich für mich anfühlen, als würde mir die Bluse in aller Öffentlichkeit ausgezogen werden.

