Die Welt liegt noch unter dem Last des alten Jahres, wie das Gras, das sich durch den schmelzenden Schnee kämpft. Dort spüre ich beides zugleich: das Gewicht dessen, was war, und das leise Flimmern dessen, was werden könnte. Zwischen Hoffnung und Trauer, zwischen Liebe und der bitteren Realität unserer Zeit, öffnet sich ein schmaler Spalt – ein mutiger Atemzug der neuen Ausrichtung.
Am Übergang zwischen zwei Jahren, dort wo die Zeit für einen Moment stillzustehen scheint, legt sich ein feiner Nebel über meine Augen. Er besteht aus schlaflosen Nächten, aus Sorgen, die sich wie kleine Steine in meine Taschen gelegt haben. Vielleicht wäre es vernünftig, mich auszuruhen. Mich wie ein Murmeltier in einen warmen Wintermantel zu hüllen und darauf zu vertrauen, dass der Frühling wiederkommt.
Doch ich bin kein Murmeltier. Kein Braunbär. Ich bin ein Mensch mit Aufgaben, die mich manchmal tragen und manchmal erdrücken. Einige gehören zum Menschsein, andere dienen nur einem System, das längst vergessen hat, wofür es einmal geschaffen wurde.
Manchmal beneide ich die Tiere. Ihre Fähigkeit, sich der Natur hinzugeben, sich zurückzuziehen, wenn es Zeit ist, und Erholung nicht als Luxus, sondern als Gesetz zu betrachten. Wir hingegen rennen, hasten, hetzen – als müssten wir uns selbst überholen. Unser Körper sendet Warnsignale, doch wir übertönen sie mit Terminen, Erwartungen, Pflichten.
Wir leben, als wartete am Ende dieser Straße ein Preis für all das Aushalten. Doch vielleicht zahlen wir den Preis längst: indem wir uns anpassen, bis wir uns selbst nicht mehr spüren. Indem wir vergessen, was uns eigentlich leitet – die Körpermitte, das Herz, den Bauch, die Seele.
Vielleicht wäre das Leben einfacher, wenn wir uns wieder an das erinnern würden, was uns mitgegeben wurde. Vielleicht sind es die Katastrophen, die sich über die Jahre hinweg überlagern, die mich daran erinnern sollen:
Es ist in Ordnung, nicht dazuzugehören.
Es ist wünschenswert, zu fühlen.
Es ist notwendig, mutig zu sein.
Es ist erlaubt, zu träumen.
Und es ist wichtig, einander die Hände zu reichen. Gemeinsam laut zu sein. Gemeinsam zu weinen. Gemeinsam zu lachen. Uns einzusetzen für mehr Stille, mehr Musik, mehr Literatur, mehr Farben – und mehr Mütter, die atmen dürfen.
Jene, die sich um das Funktionieren des Systems kümmern sollten, übersehen etwas Entscheidendes: Dass psychische Gesundheit kein Randthema ist, sondern Fundament. Dass ein gesunder Mensch weniger kostet als ein erschöpfter.
Denn selbst ohne äußeren Druck gibt es genug zu tragen. Schicksale, die Empathie verlangen. Geschichten, die Wärme brauchen. Kinder, die nicht spüren sollten, dass ihre Existenz ein Wettbewerb ist.
Ich glaube, es ist Zeit, für das Recht auf die eigene Existenz einzustehen.
Eine stille Rebellion zu beginnen:
durch Achtsamkeit,
durch tiefe Verbindungen,
durch Seelennahrung,
durch Rückkehr zu dem, was uns menschlich macht.

