„Nichts ist so stark wie eine Frau, die beschlossen hat, sich nicht mehr beugen zu lassen“ – Unbekannt

Manchmal muss man durch den Schmerz gehen, ehe die innere Weisheit sich verfestigen kann. Manchmal braucht es Tiefschläge, um am Ende die Süsse der inneren Freiheit zu kosten.

Isabells Geschichte

Die erste Beziehung

Wie hätte ich ahnen können, dass er unter Psychosen litt? Ich meine: echte psychische Probleme – solche, die ihn das nächtliche Weinen unseres gemeinsamen Kindes nicht ertragen ließen. So sehr, dass es ihm zu viel wurde, er zu schreien begann. So sehr, dass mir die Angst den Nacken hinaufkroch, sobald er seine Anfälle bekam.

Es ging alles sehr schnell zwischen uns. Wir lernten uns inmitten der Rhythmen des Reggae kennen, beide fest verwurzelt in der Rastafari-Community. Damals war mir nicht bewusst, in welch patriarchal gefestigter Struktur ich mich bewegte.

Ich fühlte mich immer anders, wollte ausbrechen aus der gesellschaftlichen Norm und wandte mich meiner selbst gewählten Religion zu. Hier suchte ich Boden unter den Füssen, fand Gemeinschaft, Zugehörigkeit – eine für mich vorgefertigte Rolle. Ich wollte mich anpassen, akzeptiert werden, fand Gefallen an der Vorstellung, eine jener Frauen zu sein, die sich dem konservativen Rollenbild hingaben. Rückblickend ließ ich mich wohl mitreißen und erkannte nicht, wie eng die Denkmuster in der Rastabewegung verankert waren.

Vielleicht suchte ich Anerkennung und ein Familienleben jenseits der üblichen Konventionen. Ich wurde schwanger und bejahte, was mein Partner und ich miteinander hatten.

Doch als der Alltag einkehrte und das viel zu früh geborene Baby endlich nach Hause kam und unsere ganze Aufmerksamkeit brauchte, wurde seine Stimme lauter, seine Berührungen härter, seine Gesichtszüge kantiger. Mit der Zeit konnte ich nicht mehr ignorieren, dass etwas nicht stimmte. Sein Verhalten ging über schlechte Laune hinaus – es wirkte fremd, unberechenbar, furchteinflößend.

Die Schlafzimmertür knallte immer öfter. Mit schweren Schritten verließ er manchmal mitten in der Nacht die Wohnung. Etwas drückte auf seiner Brust – die neue Verantwortung. Familie, Frau, Alltag. Die Sicherungen brannten durch. Er wurde zur Gefahr für sich selbst, für mich und unser Kind. Es folgte eine Zwangseinweisung in die Psychiatrie. Meine Kraft reichte nicht für ein Baby und einen psychisch kranken Mann. Also entschied ich mich für die Trennung.

Dann trafen sie mich; die Schuldzuweisungen, die Verurteilungen von außen. Es hieße doch: in guten wie in schlechten Zeiten. Ich könne ihn doch nicht verlassen, nicht jetzt. Aber ich musste. Ich musste ihn verlassen – für mein Kind, für mich selbst.

Ich verzichtete auf Alimente und bestritt meinen Lebensunterhalt allein. Meine Schwester und ich zogen zusammen und wechselten uns mit Arbeiten und der Kinderbetreuung ab. Unsere beiden Kinder wuchsen in den ersten Jahren wie Geschwister auf. Mein Sohn pflegte weiterhin regelmässigen Kontakt zu seinem Vater – behutsam, und ich stets in Alarmbereitschaft. Bald trat eine neue Frau in sein Leben, und mit ihr wurden seine Ausbrüche gewalttätiger, unberechenbarer.

Eines Tages, als unser Sohn bei ihm und seiner Freundin zu Besuch war, entführte er ihn. Er brachte ihn zu einer Nachbarin und drohte mir, ihn nicht mehr herauszugeben. Polizei, Klinik – eine Spirale, die sich drehte und der ich sechzehn Jahre lang nicht entkommen konnte.

Er ist der Vater meines Kindes – ein Mann, der niemanden an seiner Seite hatte, der ihn hätte begleiten können in diesem vom Wahn durchtränkten Leben. Seine Freundin verließ ihn, nachdem er ihr wehgetan hatte. Er schleifte sie an den Haaren durch die Wohnung, wenn dieses Monster, das ihn immer wieder heimsuchte, von ihm Besitz ergriff.

Wie hätte ich ihn jemals ganz fallen lassen können? Wie hätte ich die Augen verschließen können, als ich eines Tages mit seiner Mutter am Pult der Ärztin saß, sie aus ihrer Tasche ein Foto von ihm zog, es auf den Tisch knallte und aufgebracht den Raum verließ – mit den Worten: „Dieser 15‑jährige Junge hier, das ist mein Sohn! So will ich ihn wiederhaben. So, wie er heute ist, ist er nicht mehr mein Kind.“

In diesem Moment erkannte ich den tief sitzenden Frauenhass, der in ihm wohnte. Seine Seele war von Wunden durchzogen. Und trotz allem war ich für ihn da.

Die zweite Beziehung

Einige Jahre zuvor, am Ende meiner Jugendzeit, tauchte ein Mann in meinem Blickfeld auf: schmaler Körper, dunkle Haut, Rastalocken bis zu den Hüften. Er hatte etwas Unnahbares an sich und versprühte einen Charme, der vermutlich nicht nur meine Aufmerksamkeit erregte – das war mir bewusst. Trotzdem zog er mich magisch an, und ich verliebte mich in ihn.

Er war ein klassischer Badboy. In seiner Ausstrahlung lag das Abenteuerliche. Ich ahnte, dass er mir nicht guttun würde, doch ich hoffte, ich könnte diejenige sein, für die er sich ändern würde. So kam es jedoch nicht. Unsere Wege trennten sich, verliefen in verschiedene Richtungen.

Als mein Sohn fünf Jahre alt war, kreuzten sich unsere Pfade erneut. Die Liebe flackerte wieder auf, und wir begannen eine Beziehung. Natürlich war da ein Funke Misstrauen, aber nie so stark, dass er die Hoffnung überdeckte, die sich an mich klammerte. Hoffnung auf tiefe Liebe, auf einen Mann fürs Leben, auf eine Familie. Er fand die richtigen Worte, um meine Schmetterlinge noch höher tanzen zu lassen. Pinselte mir den Honig um den Mund, bestäubte mich wie die Biene die Blume – bis eines Tages ein neues Leben in mir heranwuchs: unsere Tochter.

Ab diesem Moment kippte seine anfängliche Euphorie. Die süßen Versprechungen verpufften. Er ging. Wollte kein Kind. Nicht noch eines mehr. Er ließ mich mit meinen beiden Kindern zurück. Kam hin und wieder vorbei, in der Hoffnung, ich würde ihm einen Platz in meinem Bett anbieten. Als er merkte, dass ich das nicht tat, verschwand er endgültig.

Erst als die Kleine in die Pubertät kam, sprach sie den Wunsch aus, ihren Vater kennenzulernen. Also machten wir uns auf den Weg nach Frankreich, wo er seit einigen Jahren lebte. Wir fanden ihn in einer kleinen, überstellten, mit Schmutz überzogenen Wohnung vor.

Ernüchterung stand unserer Tochter ins Gesicht geschrieben, als sie erkennen musste, dass ihre Vorstellung von einem Vater in einer Sackgasse endete. Dass ihr eigener Vater es nicht einmal schaffte, seine Tochter – die er seit über neun Jahren nicht mehr gesehen hatte – in einem würdigen Zustand zu empfangen.

Am Abend, bevor wir wieder abreisten, hatte er eine Überraschung parat: Er fuhr uns mit seinem Auto in eine unbekannte Gegend. Als wir ausstiegen, standen zwei weitere jugendliche Mädchen vor uns – ihre Geschwister. „Umarmt euch, ihr seid Schwestern! Freundet euch an!“

Mir fiel die Kinnlade herunter. Wie konnte er uns alle so überrumpeln, uns in eine Situation werfen, die niemand von uns fassen konnte? Danach vergingen wieder Monate, vielleicht sogar ein Jahr, bis er sich erneut meldete. Und heute – heute tröpfeln nur noch vereinzelte Nachrichten herein: „Es wäre schön, euch wiederzusehen.“ „Alles Gute zum Geburtstag, meine Kleine.“ „Ich bin wieder Vater geworden!“

Der Tiefpunkt

Dass ich noch am Leben bin, verdanke ich meinen Kindern. Nach der letzten Trennung gab es eine Zeit, in der es nie wirklich hell wurde. Die schwere Decke auf meinem Körper war der einzige Schutz, der mir behagte, der mir Zuflucht schenkte. Vielleicht hätte ich die Packung Tabletten nicht wieder in den Schrank zurückgelegt, wenn ich nicht an meine beiden Töchter gedacht hätte.

Meinen Sohn hätte ich zurücklassen können – er wäre zurechtgekommen ohne mich. Er war alt genug, um ohne seine Mutter weiterzuleben. Aber meine Töchter? Wer hätte ihnen gesagt, wie schön sie sind, wie wertvoll, wie rein ihr Herz ist? Wer hätte ihre Tränen getrocknet, ihre Wunden gepflegt?

Ich balancierte auf einem schmalen Seil, unter mir der Abgrund. Ein einziger Fehltritt, und ich wäre gefallen. Doch da war diese sanfte Stimme in meinem Ohr, die mir zuflüsterte, dass ich sie nicht alleinlassen könne. Dass sie mich brauchen würden.

Deshalb lebe ich noch.

Die dritte Beziehung

Es fing gut an.

Endlich war da jemand, der eine Vaterrolle übernahm. Ich hatte meine lang ersehnte Familie, jemanden an meiner Seite, mit dem ich den Alltag teilte. Auf Augenhöhe. Miteinander. Unterstützend.

Dann kam Corona. Ein kleiner Sturm zog in unseren Familienalltag ein. Anfangs unterdrückte ich die aufkommenden Gefühle des Missmuts, ertränkte die Gedanken an das Ungute zwischen uns. Ich ertrug den Gedanken nicht, dass auch diese Beziehung einem Ende geweiht sein könnte. Inzwischen war ich Mutter von drei Kindern und hatte nicht die Kraft, wieder von vorne zu beginnen.

Während des Lockdowns konnte ich nicht mehr arbeiten. Ich wurde auf Kurzarbeit gesetzt und übernahm die gesamte Care-Arbeit, während mein Partner sich um die Finanzen kümmerte. Sein Betrieb wurde – im Gegensatz zu meinem – nicht eingefroren. Deshalb schien es mir naheliegend, dass er die Kosten trug, während ich zu Hause die Kinder schulte, das Essen kochte, seine Wäsche wusch und darauf achtete, dass ein warmes Essen auf dem Tisch stand, wenn er abends nach Hause kam.

Ich schluckte den Groll herunter, der in mir aufstieg, wenn ich ihn am Wochenende hinter geschlossener Tür vorfand, unbeteiligt am Familienleben. Schließlich arbeitete er viel, sagte ich mir. Ich wollte nicht „so“ sein.

Eines Tages drehte er den Geldhahn zu, der unser Haushaltskonto speiste. „Bin ich denn der Depp, der hier das ganze Geld verdienen muss, während von dir kein einziger Rappen beigesteuert wird?“

Vielleicht war er überfordert, vielleicht lag es an den Umständen – Corona war eine außergewöhnliche Zeit, für uns alle. Doch ich spürte, wie mir die Nackenhaare zu Berge standen, wie es mir kalt den Rücken hinunterlief, als er mir verkündete: „Es gibt kein Haushaltsgeld mehr von mir!“

In diesem Moment zerbrach etwas in mir. Die Liebe, die ich für ihn empfunden hatte, verpuffte. Wir stritten täglich, die Luft war so dick, dass nur ein scharfes Messer sie hätte zerschneiden können.

Dann fand ich auf dem Tisch einen Bankauszug. Er musste ihn fahrlässig liegen gelassen haben. „Spasskonto“ stand darauf. Nun wusste ich, wohin unser Haushaltsgeld geflossen war.

Wieder stand ich vor einer verschlossenen Tür – dahinter eine bunte Welt, die in Wahrheit grau war. In diesen Tagen wurde der Boden bereitet für meine suizidalen Gedanken.

Meine Kinder, meine Verbindung zur Natur, zum Schamanismus und zur Menschlichkeit retteten mich. Sie erweckten in mir eine Kraft, deren Quelle die Liebe zu mir selbst und zu meinen Kindern ist. Gleichzeitig wuchs in mir die Wut über die Ungerechtigkeit eines Systems, das nicht auf Mädchen, Frauen, Mütter ausgerichtet ist. Ein System, das Männern erlaubt zu gehen, wenn es ihnen zu viel wird, wenn sie lieber ihr Geld sparen wollen. Ein System, das für fast jede Frau in irgendeiner Weise eine Herausforderung bedeutet.

Nach der Trennung begann ein zäher Kampf um Alimente. Bis heute sieht er nicht ein, weshalb er seinen Lebensstandard senken sollte, um mir das zu geben, was uns zusteht. Nicht für mich. Für unsere gemeinsame Tochter.

Ich bin stolz auf meine Kinder und wünsche mir, dass sie – bevor sie eine Partnerschaft eingehen – ihren eigenen Wert in sich selbst erkennen und festigen. Meine Töchter sollen sich von gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen lösen und in sich die Person sehen, die sie glücklich macht und ihnen inneren Frieden schenkt.

Sie müssen weder Mutter noch Ehefrau sein, um als vollkommene Frauen gesehen zu werden. Im Gegenteil: Sie sind bereits vollständig, genau so, wie sie sind. Ich wünsche mir, dass sie mit Bedacht Beziehungen eingehen und nur jemanden an ihrer Seite akzeptieren, der ihnen die Wertschätzung entgegenbringt, die ihnen zusteht.

Was ich erlebt habe, hat meinen Blick geschärft für Ungerechtigkeiten — besonders jene, die Frauen noch immer tragen müssen. Wir können vielleicht kein ganzes System zum Einsturz bringen, doch wir können uns immer wieder für uns selbst entscheiden. Für unsere Freiheit. Für die Liebe. Für Solidarität und Gleichstellung. Für ein Leben, das uns gehört.

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