Es war einer dieser Tage, an denen das Wetter – wenn es reden könnte – sich nur beschwerte, seine schlechte Laune an den Erdbewohnern ausliess und die Wolken sich mit voller Härte auswrangen. Ein Tag, um zu Hause zu bleiben und sich auf das bevorstehende Online-Bewerbungsgespräch vorzubereiten.
Ich geb’s zu: Ich bin keiner dieser Typen, die ihr Leben durchorganisieren, immer alles griffbereit haben und den Müll regelmässig rausbringen. Es könnte sein, dass ich zu denjenigen gehöre, die tagelang ihr Geschirr im Spülbecken lagern. Es könnte auch sein, dass nicht immer gebettet ist, wenn ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause komme.
Meine Eltern waren die ordentlichsten Menschen, die ich kenne – es ist ein Rätsel, wieso ich dieses Gen nicht geerbt habe. Doch in einem bin ich unschlagbar: Pünktlichkeit. Zumindest wenn es um Verabredungen und Arbeit geht.
Ich sass am Computer, durchforstete das Internet nach Informationen, die mir für das Gespräch noch Sicherheit geben konnten, wollte alles schnell erledigen, damit ich meinen restlichen freien Nachmittag einfach nur relaxen konnte. Meine Finger glitten über die Tastatur, machten nebenher Notizen auf dem Block – alles lief wie geplant, bis plötzlich … der Bildschirm schwarz wurde.
Aber halt, es war nicht nur der Bildschirm, der einschlief – der gesamte Raum hüllte sich in Dunkelheit. War hier nicht eben noch Licht gewesen?
Selbst die Kaffeemaschine liess sich nicht einschalten, und der Kochherd blieb auch kalt. Ich hatte keinen Strom.
Mir fiel die Stromrechnung ein, die ich – es könnte gut sein – nicht bezahlt hatte. Ich ging zum Briefkasten, und ein Schwall ungeöffneter Briefe kam mir entgegen. Zu meiner Verteidigung: Ich war im Urlaub gewesen. Drei ganze Wochen. Und der Briefkasten wirkte schon immer bedrohlich auf mich. Es fiel mir schon immer schwer, ihn zu öffnen. Rechnungen fühlten sich wie eine Strafe an, die mir mein hart erarbeitetes Geld wegfrassen. Als würden sie mir sagen wollen: Vergiss es, entspannen kannst du, wenn du tot bist. Bis dahin: schufte, zahle, schufte, zahle, schufte, zahle. Klingt nicht wirklich nach Leben, oder?
Um mich vor diesen unangenehmen Gefühlen zu schützen, flüchtete ich mich in die Vermeidung: Wenn ich es nicht sehe, existiert es nicht.
Auf eine schmerzhafte Weise wurde mir an diesem Tag jedoch gezeigt, dass man nicht vor Unangenehmem davonlaufen kann. Schon gar nicht vor Rechnungen.
Sie hatten mir den Strom abgestellt. Also rief ich bei der zuständigen Stelle an und bat um Gnade. Schliesslich hatte ich in nur wenigen Stunden ein Bewerbungsgespräch. Mein Leben hing quasi von diesem Strom ab.
Der Mann am Telefon sagte mir, ich müsse innert der nächsten halben Stunde die Rechnung bezahlen und ihnen ein Beweisfoto schicken, dann kämen sie vorbei und würden den Strom wieder einschalten. Eine halbe Stunde. Dreihundertvierundzwanzig Franken. So viel kostete diese Rechnung.
Mein Kontostand: neun Franken und zwanzig Rappen.
Schweissperlen tropften mir bis zum Kinn hinunter. Beschämt rief ich meinen Bruder an. Er ging nicht ans Telefon. Ich rief meine Mutter an. Sie reagierte nicht. Ich rief meinen Kumpel an. Er ging ran. Er würde mir helfen, aber sein Konto wäre auch verhungert. Er würde seine Mutter um Geld bitten und es mir danach direkt weiterleiten.
Ich wartete. Und während sich die Minuten davonschlichen, sprang auch die Zahl meines verbleibenden Akkus von sieben auf fünf Prozent. Ohne Strom kein Aufladen.
Ich knabberte an meinen Fingernägeln, tigerte im Wohnzimmer auf und ab. Vier Prozent.
Das Handy blinkte auf. Mein Kumpel hatte Geld gesendet.
Ich wechselte in meine Banking-App und löste die Zahlung aus. Schnell ein Foto. Drei Prozent. Mail abschicken. Zwei Prozent. Gesendet. Fünf Minuten vor der Frist. Null Prozent.
Zwanzig Minuten später wurde mein Strom wieder eingeschaltet. Ich lud mein Handy auf, kochte mir eine heisse Suppe und öffnete alle Briefe, die sich sonst noch während der letzten Wochen angesammelt hatten. Es tat weh. Ja, das tat es wirklich.
Aber ich habe gelernt, dass Unangenehmes nicht einfach verschwindet, wenn man wegschaut. Das gilt für Rechnungen genauso wie für andere Lebensrealitäten.
Nur mit dem Geschirrwegräumen hapert’s noch.
Aber hey – ich habe gelernt, dass Probleme nicht verschwinden, wenn man sie ignoriert.
Der Strom schon.

