{"id":2662,"date":"2025-11-09T09:00:00","date_gmt":"2025-11-09T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/?p=2662"},"modified":"2025-11-07T08:18:24","modified_gmt":"2025-11-07T08:18:24","slug":"ich-und-die-nosferatu-eine-begegnung-mit-mir-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/ich-und-die-nosferatu-eine-begegnung-mit-mir-selbst\/","title":{"rendered":"Ich und die Nosferatu: Eine Begegnung mit mir selbst"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/20251107_090544-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2663\" style=\"aspect-ratio:0.7500157937961969;width:295px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/20251107_090544-768x1024.jpg 768w, https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/20251107_090544-225x300.jpg 225w, https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/20251107_090544-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/20251107_090544-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/20251107_090544-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Das Netz des Lebens<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor zwei Jahren zog eine Frau mit ihrer fast erwachsenen Tochter in unser Haus. Das Erste, was sie mir sagte, als ich ihr eines Abends in der Waschk\u00fcche begegnete, war: \u201eIch wei\u00df nicht, wie lange ich es hier aushalte. Es gibt einfach zu viele Spinnen in diesem Haus.\u201c Ich zuckte mit den Schultern, h\u00e4ngte weiter meine W\u00e4sche auf und schenkte ihr ein m\u00fcdes L\u00e4cheln. Wie konnte sie nach nur zwei Tagen ein Urteil \u00fcber die Spinnenpopulation in unserem Haus f\u00e4llen? Ich dachte an meine friedliche Mitbewohnerin mit acht Beinen, die ein paar Tage zuvor an meiner Wand klebte und mit mir eine Netflix-Serie schaute. Ich war mir sicher, mit ihren acht Augen sah sie Details, die mir entgingen. Spinnen und ich \u2013 wir waren nicht gerade Freunde, aber wie das mit WG-Partner:innen eben ist: Man lebt nebeneinander her. Hin und wieder war mir eine zu gro\u00df, dann griff ich zum Glas, setzte sie nach drau\u00dfen und lebte weiter. Sie vermutlich auch \u2013 so hoffte ich. Die Nachbarin zog nach drei Monaten wieder aus. Die Spinnen blieben. Entgegen ihrem Vorschlag wurden sie nicht mit Gift ins Jenseits bef\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Fr\u00fchling brachte Fruchtfliegen. Hin und wieder eine K\u00fcchenschabe, f\u00fcr die ich eine Nulltoleranzgrenze hatte \u2013 zum Gl\u00fcck war sie schnell beseitigt. Im Sommer verirrte sich ab und zu eine Biene ins Haus. Alles im gr\u00fcnen Bereich. Doch dann kam der Herbst. Die Bl\u00e4tter f\u00e4rbten sich rot, gold und braun, das Klima wurde rauer, die Tage k\u00fcrzer. Der Wind pfiff einem um die Ohren. Ich liebe den Herbst mit seinen weichen Farben und den k\u00fchlen, nassen Winden, die die Bl\u00e4tter tanzen lassen. Solange man sich in warmen R\u00e4umen aufhalten kann, schenkt er Momente der Stille und des R\u00fcckzugs. Da erscheint es nur logisch, dass auch die kleinsten Bewohner sich ein warmes Pl\u00e4tzchen suchen \u2013 besonders jene, die urspr\u00fcnglich aus s\u00fcdlichen Regionen stammen und in der K\u00e4lte kaum \u00fcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Eines Abends schrie meine Tochter laut auf<\/strong>. Ich eilte zu ihr \u2013 und sah sie: eine Nosferatu-Spinne. Gr\u00f6\u00dfer als meine Netflix-Gef\u00e4hrtin von damals. Ihr K\u00f6rper war hellbraun gemustert, die Augen deutlich sichtbar. Acht Augen, wohlgemerkt. Etwas an ihr wirkte lebendig, fast menschlich. Seelenhaft. Sie war eine Mutter, das sp\u00fcrte ich. Sie bewachte ein selbstgebautes Nest, in dem sie hunderte winzige Babys ausbr\u00fctete. Ein neues Gef\u00fchl stieg in mir auf \u2013 eines, das ich bei Spinnen bislang nicht kannte. War es Ekel? Furcht? Panik? Sie war nicht in der Wohnung, sondern hatte sich im Fensterrahmen h\u00e4uslich eingerichtet. Doch das machte die Situation nicht besser. Wir wollten sie loswerden. Vor meinem inneren Auge formten sich Bilder: Hunderte kleine Spinnen, die zu monstr\u00f6sen Wesen heranwachsen. Hunderte. Spinnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Morgen zog ich mir eine Regenpelerine \u00fcber \u2013 man konnte ja nie wissen. Falls sie sprang, w\u00e4re ich gesch\u00fctzt. In der einen Hand ein Besen, die andere in einem Handschuh. Mission Spinnenentfernung wurde eingeloggt. Mit schwitzigen H\u00e4nden und heftigem Herzklopfen \u00f6ffnete ich die Fenstert\u00fcr einen Spalt und stupste das Muttertier auf die Stra\u00dfe. Die Babys wischte ich mit dem Besen weg. Ein schlechtes Gewissen \u00fcberkam mich. Ich hatte Mitleid. Wie grausam war ich gewesen? Doch es hie\u00df: wir oder sie. Der Gedanke an hundert Spinnen war unertr\u00e4glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Tag, als ich das K\u00fcchenfenster \u00f6ffnete, war sie wieder da. Ich war mir sicher: Sie hegte Rachegedanken. Ein Google-Eintrag sp\u00e4ter: Spinnen merken sich Gesichter. Ohje. Noch bevor sie in die K\u00fcche krabbeln konnte, knallte ich das Fenster zu \u2013 ein Bein klemmte fest. \u201eMam, tu doch was! Nimm ein Glas und wirf sie raus!\u201c, rief eins meiner Kinder. Ich blieb starr, sah zu, wie die Spinne mit aller Kraft versuchte, sich zu befreien. Meine Gef\u00fchle schwankten zwischen Mitgef\u00fchl, schlechtem Gewissen und Panik. Ich war mir sicher: Sie w\u00fcrde mich bei\u00dfen, wenn sie die Chance bek\u00e4me. Mit gr\u00f6\u00dfter \u00dcberwindung hielt ich das Glas unter ihren K\u00f6rper, \u00f6ffnete das Fenster und warf sie hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sie suchte das Weite<\/strong>. Oder wurde von einer Kr\u00e4he gefressen \u2013 das redete ich mir ein, als ich sie nicht mehr sah. Der Gedanke, sie k\u00f6nnte bald wieder anklopfen, war schwer zu ertragen. Meine Spinnentoleranz war dahin. Die alten, fast freundschaftlichen Gef\u00fchle wurden von Angst verdr\u00e4ngt. Nachts, wenn ich das Licht anschaltete, erwartete ich nerv\u00f6s eine Nosferatu. Das K\u00fcchenfenster \u00f6ffnete ich nur noch mit Vorsicht und spr\u00fchte bei jedem L\u00fcften meinen selbstgebrauten Spinnenabwehrcocktail*.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann erz\u00e4hlte mir eine Bekannte, dass sie von einer Nosferatu-Spinne gebissen wurde \u2013 sie musste ins Krankenhaus. Dabei gilt die Nosferatu als harmlose Giftspinne, ein nat\u00fcrlicher Insektenf\u00e4nger. Ihr Gift ist f\u00fcr Menschen meist ungef\u00e4hrlich. Sie greift nur an, wenn sie sich bedroht f\u00fchlt \u2013 und kann durch menschliche Haut bei\u00dfen. Es f\u00fchlt sich an wie ein Wespenstich. Mein Kopfkino bekam eine neue Dimension: Was, wenn sich nachts eine Nosferatu in mein Bett verirrt und mich bei\u00dft?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Wecker klingelte um sechs Uhr. Keine Spinne unter dem wei\u00dfen Laken. Erleichterung. Ich wusch mir unter kaltem Wasser die M\u00fcdigkeit aus dem Gesicht, w\u00e4hrend mein Sohn sich zum Kleiderhaufen schleppte, der noch geduldig auf mich wartete. Ein lautes Kreischen aus der Ecke. \u201eHilfe, Mama!\u201c, rief mein Sohn. Ich ahnte Ungutes. Und mein Verdacht best\u00e4tigte sich: Da sa\u00df sie wieder \u2013 mit ihren acht Augen und acht haarigen Beinen \u2013 mitten auf dem Kleiderberg. Ein wohlduftendes Nest, das sie sich da ausgesucht hatte. Drau\u00dfen war es dunkel, im Haus noch still. Staubsauger. Der Staubsauger musste her. Ich biss mir auf die Lippen und saugte das gro\u00dfe Insekt ein. Ich bildete mir ein, ihre Landung im Beutel geh\u00f6rt zu haben. Den Sauger brachte ich in den Keller. Dort steht er seither ungenutzt. In der Hoffnung, sie hat sich dort ein neues Zuhause eingerichtet \u2013 falls sie aus dem Rohr gekrabbelt ist und nicht das Zeitliche gesegnet hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein kleiner Trost fand ich in einem Artikel \u00fcber die spirituelle Bedeutung der Spinne:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>In der Welt der Spiritualit\u00e4t haben Tiere oft tiefe symbolische Bedeutungen, die uns wichtige Lektionen f\u00fcr unser pers\u00f6nliches Wachstum lehren k\u00f6nnen. Die Spinne ist ein solches Tier, das in vielen Kulturen und spirituellen Traditionen als kraftvolles Symbol betrachtet wird. Die Spinne repr\u00e4sentiert Kreativit\u00e4t und Sch\u00f6pfung. Sie wird oft mit dem Akt des Webens assoziiert, was auf die F\u00e4higkeit hindeutet, seine eigene Realit\u00e4t zu gestalten und zu manifestieren. (Quelle: https:\/\/mentalerfokus.de\/spirituelle-bedeutung-spinne\/)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die geh\u00e4ufte Begegnung mit der Nosferatu-Spinne hat mich erschreckt \u2013 und zugleich erinnert. Ich bin selbst dabei, mein Leben neu zu weben. Vielleicht nehme ich sie gerade deshalb so intensiv wahr: Weil sie mir zeigt, dass Ver\u00e4nderung nicht nur sch\u00f6n, sondern auch be\u00e4ngstigend sein kann. Dass das Neue oft mit alten \u00c4ngsten verkn\u00fcpft ist. Die Spinne steht f\u00fcr Kreativit\u00e4t, f\u00fcr das Gestalten der eigenen Realit\u00e4t. Sie webt ihr Netz mit Geduld, mit Pr\u00e4zision, mit einem inneren Wissen um Struktur und Verbindung. Und vielleicht ist das ihr Geschenk: Uns daran zu erinnern, dass wir selbst die F\u00e4den in der Hand halten \u2013 auch wenn sie manchmal zittern. Dass wir unsere Geschichten spinnen d\u00fcrfen, aus dem, was war, und dem, was werden soll. Dass selbst das Furchterregende eine Botschaft tragen kann, wenn wir bereit sind, hinzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe gelernt: Manchmal zeigt sich das Wesentliche in Gestalt einer Spinne im Fensterrahmen. Nicht, um uns zu erschrecken \u2013 sondern um uns zu erinnern, dass wir lebendig sind. <strong>Und dass wir den Mut haben d\u00fcrfen, unser eigenes Netz zu weben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Spinnenabwehrcocktail &#8211; eine kurzanleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ihr braucht, ist eine Spr\u00fchflasche und \u00e4therisches Pfefferminz\u00f6l. Laut Studien m\u00f6gen Spinnen den Duft von Minze nicht. Die Spr\u00fchflasche mit Wasser bef\u00fcllen und 15\u201320\u00a0Tropfen Pfefferminz\u00f6l hinzuf\u00fcgen. Gut sch\u00fctteln\u00a0\u2013 schon ist der Abwehrspray f\u00fcr seinen Einsatz bereit. Beim L\u00fcften die Fensterrahmen einspr\u00fchen. F\u00fcr die vollumf\u00e4ngliche Wirkung kann ich nicht garantieren. Aber: Seit dem t\u00e4glichen Einsatz, wurde es ruhig in unseren Fensterrahmen. Einen Versuch ist es allemal wert. Nebeneffekt: Es duftet angenehm nach Minze.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zwei Jahren zog eine Frau mit ihrer fast erwachsenen Tochter in unser Haus. 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