{"id":2665,"date":"2025-11-12T17:59:52","date_gmt":"2025-11-12T17:59:52","guid":{"rendered":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/?p=2665"},"modified":"2025-11-12T17:59:52","modified_gmt":"2025-11-12T17:59:52","slug":"hinter-verschlossenen-tueren-ein-sohn-erzaehlt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/hinter-verschlossenen-tueren-ein-sohn-erzaehlt\/","title":{"rendered":"Hinter verschlossenen T\u00fcren &#8211; Ein Sohn erz\u00e4hlt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anna sa\u00df auf ihrem Bett im engen Zimmer, das sie mit ihren Schwestern teilte. An diesem hei\u00dfen Julimorgen f\u00fchlte sich ihr Magen wie zugeknotet an. Ihre Gedanken kreisten unaufh\u00f6rlich, w\u00e4hrend ihre feuchten H\u00e4nde das verweinte Gesicht umschlossen. In ihr wuchs neues Leben heran \u2013 etwas, das niemals h\u00e4tte geschehen d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor einigen Monaten hatte sie Thomas auf einem Vereinsfest ihres Vaters kennengelernt. Anna war sechzehn, ein M\u00e4dchen aus einfachen Verh\u00e4ltnissen, mit einer Mutter, die mit vier Kindern \u00fcberfordert war, und einem Vater, der sich m\u00fchte, die Familie zu versorgen und auf ein Eigenheim zu sparen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie besuchte eine Frauenschule und half ihrer Mutter im Haushalt. Doch insgeheim tr\u00e4umte sie von einer Freiheit, die f\u00fcr junge Frauen der F\u00fcnfzigerjahre hinter verschlossenen T\u00fcren schlummerte. Ihre Situation war ausweglos und be\u00e4ngstigend. Schwanger zu sein \u2013 von einem Jungen, den sie kaum kannte und mit dem keine Ehe in Aussicht stand \u2013 bedeutete eine Zukunft voller Belastungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anna hielt ihren Bauch, wissend, dass sie dieses Kind nicht behalten konnte. Thomas wollte es keinesfalls, und ohne seine Unterst\u00fctzung w\u00fcrde ihr das Kind entzogen. Es m\u00fcsste in einer Pflegefamilie untergebracht werden, sie h\u00e4tte kein Sorgerecht, und ihre berufliche Zukunft w\u00e4re ungewiss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Gedanke war kaum zu ertragen. So fasste sie den Entschluss, die Schwangerschaft zu beenden. Nicht ganz freiwillig, Thomas dr\u00e4ngte sie dazu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damals existierte eine Untergrundorganisation \u2013 bestehend aus Hebammen, Krankenschwestern und sozial engagierten Frauen \u2013, die jungen M\u00fcttern half, ihr Ungeborenes zu entfernen. Kostenlos. Es war eine illegale, streng geheime Angelegenheit. Uneheliche Kinder wurden ebenso wenig geduldet wie Abtreibungen, es sei denn, sie wurden diskret von gebildeten \u00c4rzten in wohlhabenden Kreisen durchgef\u00fchrt. Es galt als Verbrechen. Doch welche Wahl blieb Anna? Ihre Herkunft lie\u00df ihr kaum Spielraum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An einem fr\u00fchen Morgen, als die Stra\u00dfenlichter noch schummrig den Weg erhellten und keine Menschenseele unterwegs war, schlich sich Anna in die R\u00e4umlichkeiten einer sogenannten Engelsmacherin. Zwei Frauen entrissen ihr das kleine Wesen aus dem K\u00f6rper und hinterlie\u00dfen einen ausgelaugten, geschw\u00e4chten Leib. Anna blieb zwei N\u00e4chte dort. Ihre Eltern sorgten sich sehr \u2013 sie wussten nicht, wo ihr Kind war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wieder zu Hause erlitt Anna einen Schw\u00e4cheanfall. Der Vater rief einen Arzt. Sie hatte viel Blut verloren, ihr K\u00f6rper reagierte mit Fieber und Ohnmacht. Der Arzt war besorgt. Die Eltern ahnten, was geschehen war, und beschlossen, das Geheimnis zu bewahren. Niemand durfte davon erfahren \u2013 was w\u00fcrden die Leute denken und reden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anna erholte sich langsam. Und als w\u00e4re nichts geschehen, ging sie wieder zur Schule und half ihrer Mutter im Haushalt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als sie Anfang zwanzig meinen Vater kennenlernte, ging alles pl\u00f6tzlich sehr schnell: Hochzeit, Kinder, Hausfrauendasein. Ich wurde geboren \u2013 das erste von drei Kindern. Meine Mutter sprach wenig. Sie war st\u00e4ndig besch\u00e4ftigt: wusch W\u00e4sche, kochte, putzte, badete uns Kinder, b\u00fcgelte die Hemden meines Vaters. Manchmal l\u00e4chelte sie oder alberte mit uns herum. Ich liebte ihre Gr\u00fcbchen, die sich dann in ihr feines Gesicht dr\u00fcckten. Doch meist war sie in Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich ins Teenageralter kam, fand ich sie oft nachdenklich im Wohnzimmersessel. Sie strickte oder flickte eine zerrissene Hose. Sie klagte \u00fcber Schmerzen \u2013 im Bauch, im R\u00fccken, in der H\u00fcfte. Manchmal musste sie sich hinlegen, oft ging sie zum Arzt. Die Abtreibung damals hatte Spuren hinterlassen. Das schlechte Gewissen, die offenen Fragen und die unterdr\u00fcckten Gef\u00fchle hatten sie still leiden lassen. Manchmal war sie wie ein Schatten ihrer selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute lebt sie nicht mehr. Ihr K\u00f6rper gab viel zu fr\u00fch auf. Ihre Seele konnte nicht so wachsen, wie sie es gebraucht h\u00e4tte. Deshalb w\u00fcnsche ich mir, ihrem Schmerz eine Stimme zu geben \u2013 durch das Erz\u00e4hlen ihrer Geschichte. Vieles hat sich ver\u00e4ndert f\u00fcr Frauen. Und doch sehe ich die Ersch\u00f6pfung und die Unsichtbarkeit jener, die unsere Gesellschaft tragen: Die M\u00fctter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna sa\u00df auf ihrem Bett im engen Zimmer, das sie mit ihren Schwestern teilte. 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