{"id":2803,"date":"2026-02-10T13:40:31","date_gmt":"2026-02-10T13:40:31","guid":{"rendered":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/?p=2803"},"modified":"2026-02-10T14:14:22","modified_gmt":"2026-02-10T14:14:22","slug":"stalking-in-der-schweiz-ein-gesetz-das-haette-frueher-kommen-muessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/stalking-in-der-schweiz-ein-gesetz-das-haette-frueher-kommen-muessen\/","title":{"rendered":"Stalking in der Schweiz: Ein Gesetz, das h\u00e4tte fr\u00fcher kommen m\u00fcssen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles begann in einem Club. In dieser runden Kuppel, f\u00fcr die ich von Bern extra nach Biel gereist war, weil sie besonders war. Weil dort die Musik lief, die ich damals liebte. Weil es sich nicht wie ein Club anf\u00fchlte \u2013 eher wie eine Welt aus Freiheit, Hoffnung und Abenteuer. Die Geschichte geschah nicht mir, aber ich war Zeugin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Freundin Helena und ich hatten uns ein Jahr zuvor an einem Konzert kennengelernt. Sie war schon immer eine aufgeschlossene, lebensfrohe Frau mit einer sprudelnden Energie gewesen. Schuhe mochte sie nicht besonders. Deshalb lief sie oft barfu\u00df herum. Sie l\u00e4chelte die Menschen an, denen sie begegnete \u2013 ganz gleich, ob jung oder alt, ob Mann oder Frau. Sie l\u00e4chelte einfach. Und sie liebte diesen kreisf\u00f6rmigen Club, dessen W\u00e4nde von kunstvollen Graffitis bedeckt waren, dessen Toilettent\u00fcren Liebesbekundungen trugen, eingeritzt von ungeduldigen H\u00e4nden. In den dunkleren Ecken harrten die immer gleichen alten Typen, die den jungen M\u00e4dchen beim Tanzen zusahen. Helena verbrachte viel Zeit an diesem Ort. Sie liebte das Tanzen, die Musik, die Freiheit. Nicht die glotzenden M\u00e4nner. Aber die waren einfach nur da. Meistens keine Bedrohung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An diesem einen Abend erregte ihr L\u00e4cheln die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes. Vielleicht glaubte er, ihr Strahlen sei nur f\u00fcr ihn bestimmt. Er kam n\u00e4her, hoffte auf ihre Zugewandtheit. Doch Helena hatte kein Interesse und wimmelte ihn h\u00f6flich ab. \u201eNur ein Tanz\u201c, bat er. Und weil Helena ein wenig Mitleid empfand, tanzte sie ein paar Minuten mit ihm, bevor sie sich wieder entfernte. Doch der Unbekannte lie\u00df nicht locker. Er folgte ihr auf die andere Seite der Tanzfl\u00e4che. Helena beschloss, ihn einfach zu ignorieren, und wimmelte ihn immer wieder freundlich ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein paar Tage sp\u00e4ter begegnete sie ihm auf der Stra\u00dfe. Ihr Herz schlug heftig gegen ihre Brust. Etwas Unheimliches lag in seiner Ausstrahlung. Er gr\u00fc\u00dfte sie, doch sie gr\u00fc\u00dfte nicht zur\u00fcck. Er fragte nach ihrer Nummer, sie bat ihn, sie in Ruhe zu lassen. Er klebte an ihr wie Sekundenleim. Am Ende gelang es ihr, sich loszurei\u00dfen. In ihr blieb eine leise Angst zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von diesem Moment an verging kaum ein Tag, an dem sie ihm nicht begegnete: Er tauchte in Gesch\u00e4ften auf, in denen sie einkaufte, kreuzte ihren Weg auf der Stra\u00dfe, erschien auf jeder Party, auf der auch sie war. Da begriff sie, dass die Situation ernst war. Es handelte sich nicht mehr nur um einen aufdringlichen Kerl aus dem Club oder von der Stra\u00dfe \u2013 nein, sein Verhalten war krankhaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der Zeit f\u00fchlte sich Helena in ihrem Alltag eingeschr\u00e4nkt, denn es verging kaum ein Tag, an dem er nicht ihre N\u00e4he suchte. Als w\u00fcrde er sp\u00fcren, wo sie sich tags\u00fcber aufhielt. Doch sie wollte ihr Freisein nicht verlieren und beschloss, ihr Leben weiterzuf\u00fchren, als existierte er nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotzdem blieb sie vorsichtig. Eines Tages fand eine Party in unserem geliebten Kuppel-Club statt. Wir waren uns sicher, dass er auch dort auftauchen w\u00fcrde. Also schmiedeten wir einen Plan, wie wir den Abend genie\u00dfen und trotzdem sicher nach Hause kommen konnten.<br>\u201eIch kenne den T\u00fcrsteher dort. Wie w\u00e4re es, wenn wir ihn bitten, auf uns aufzupassen? Und wenn wir gehen, begleitet er uns bis zu einem Taxi. Wenigstens wei\u00df mein Stalker nicht, wo ich wohne.\u201c<br>Ich fand die Idee clever. \u201eSo machen wir\u2019s\u201c, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir machten uns sch\u00f6n f\u00fcr die Party. Es war laut, stickig und \u00fcberf\u00fcllt, als wir den Raum betraten. Die Musik dr\u00f6hnte aus den Boxen. K\u00f6rper klebten aneinander und bewegten sich im Takt der Kl\u00e4nge, die auch unsere H\u00fcften nicht lange stillhielten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inmitten der bewegten Masse stand er. Sein Blick glitt \u00fcber die Gesichter. Als er Helena sah, blitzten seine schiefen Z\u00e4hne auf. Die dunklen, schulterlangen Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Doch als h\u00e4tte er unseren Plan geahnt, blieb er uns fern. Erleichtert gaben wir uns der Musik hin. Schwitzten, kreischten, sangen und verga\u00dfen die Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch wir wollten nicht die Letzten sein, die die Nacht verlie\u00dfen. Um drei Uhr morgens hielten wir uns an unseren Plan. Im Schutz des Sicherheitspersonals wurden wir zu einem Taxi begleitet.<br>Stolz und gl\u00fccklich lie\u00dfen wir uns bei Helena zu Hause auf ihr Bett fallen. Erst als die Sonne am Horizont erschien, waren unsere letzten Worte gesprochen, und ich machte mich auf den Weg. Helena begleitete mich bis zur Haust\u00fcr. Unser Kichern hallte durch den Flur und verstummte, als ich die T\u00fcr \u00f6ffnete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er war da. Nur ein paar Schritte entfernt.<br>Wie konnte das sein? Woher wusste er, wo Helena wohnte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Klo\u00df bildete sich in meiner Kehle. Ich drehte mich zu Helena um. Ihre Augen r\u00f6teten sich, Tr\u00e4nen liefen ihr \u00fcber die Wangen.<br>\u201eLass mich doch bitte in Ruhe!\u201c, flehte sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er machte einen Schritt auf uns zu. In seiner rechten Hand hielt er ein Foto von Helena, in der linken ein Messer.<br>\u201eIch liebe dich doch, Helena\u201c, sagte er.<br>\u201eIch will nicht.\u201c Helena rang nach Luft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich packte ihre Hand, zerrte sie hinter mir her, dann rannten wir. Wir rannten, so schnell wir konnten, ohne uns umzudrehen.<br>\u201eZur Polizei!\u201c, keuchte Helena.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir zitterten. Die Sonne hatte inzwischen die Dunkelheit vertrieben. Eine Polizistin nahm sich unserer an. Wir erz\u00e4hlten ihr keuchend und mit rasendem Puls, was wir erlebt hatten. Helena schilderte, wie alles begonnen hatte. Die Beamtin schrieb mit, h\u00f6rte zu \u2013 und schickte uns am Ende weg. Es sei nichts geschehen. Und solange das so sei, k\u00f6nne man nichts unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Helena kehrte nicht nach Hause zur\u00fcck. Eine Freundin holte sie ab und nahm sie zu sich. Ich nahm den Zug zur\u00fcck nach Bern. Im Gep\u00e4ck die Bilder der letzten Stunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass er ihr auflauerte. Einmal folgte er uns bis nach Bern im Zug. Dort suchten wir erneut die Polizei auf. Diesmal nahmen sie ihn fest. Zwei Stunden sp\u00e4ter war er wieder frei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann kam der Abend, an dem Helena eine Verabredung hatte. Sie hatte jemanden kennengelernt und traf sich zum ersten Date mit ihm. Zuerst in einem Restaurant, sp\u00e4ter gingen sie weiter in die Kuppel. Helena f\u00fchlte sich sicher; schlie\u00dflich war sie in Begleitung starker Arme. Vielleicht w\u00fcrde er endlich verstehen, dass er in diesem Leben keine Chance mehr bei ihr hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch er war auch dort. Seine H\u00e4nde ballten sich zu F\u00e4usten \u2013 doch Helena wusste das zu diesem Zeitpunkt nicht. Sie ahnte nicht, dass in ihm das Blut loderte, seine Gedanken irrten und sein Adrenalin hochschoss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Helena tanzte und l\u00e4chelte, wie sie es immer tat. Bis ihre Augenlider schwer wurden und ihre F\u00fc\u00dfe brannten. Sie bat ihre Begleitung, sie nach Hause zu bringen. Als die beiden durch die leeren Stra\u00dfen gingen \u2013 nur ein paar gr\u00f6lende Gestalten hielten sich noch drau\u00dfen auf \u2013, bemerkten sie bald, dass sie verfolgt wurden. Schritte kamen n\u00e4her.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Hand packte Helenas Begleitung an den Schultern. Etwas Spitzes, Metallenes blitzte auf.<br>\u201eAchtung, ein Messer!\u201c, schrie Helena geistesgegenw\u00e4rtig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihre Begleitung entriss dem Angreifer das Messer und rammte es ihm in den R\u00fccken. Helena schrie auf. Der Angreifer war ihr Stalker. Nun lag er am Boden und schrie vor Schmerz.<br>\u201eGeh!\u201c, br\u00fcllte sie ihre Begleitung an. \u201eNa los!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schnell rief sie den Notruf und blieb bei ihm, bis Hilfe eintraf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er wurde ins Krankenhaus gebracht und gesundgepflegt. Helena stand noch wochenlang unter Schock. Die Bilder holten sie nachts ein. Das Messer \u2013 es h\u00e4tte ihrer Begleitung gegolten. Oder vielleicht ihr selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er \u00fcberlebte. Und es war der Moment, in dem er aufh\u00f6rte, ihr aufzulauern.<br>Sie h\u00e4tte sich damals gew\u00fcnscht, es w\u00e4re nie so weit gekommen. Doch wie h\u00e4tte sie es verhindern k\u00f6nnen? Die Verantwortung lag nicht auf ihren Schultern. Sie lag dort, wo ein System nicht genau genug hinsah, wenn ein Mensch sich bedroht f\u00fchlte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gute Nachricht ist: Seit dem 1. Januar 2026 ist Stalking in der Schweiz strafbar. T\u00e4terinnen und T\u00e4ter m\u00fcssen mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren rechnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles begann in einem Club. 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