{"id":2809,"date":"2026-02-19T14:33:30","date_gmt":"2026-02-19T14:33:30","guid":{"rendered":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/?p=2809"},"modified":"2026-02-19T14:33:30","modified_gmt":"2026-02-19T14:33:30","slug":"ohne-strom-ohne-mich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/ohne-strom-ohne-mich\/","title":{"rendered":"Ohne Strom &#8211; ohne mich"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war einer dieser Tage, an denen das Wetter \u2013 wenn es reden k\u00f6nnte \u2013 sich nur beschwerte, seine schlechte Laune an den Erdbewohnern ausliess und die Wolken sich mit voller H\u00e4rte auswrangen. Ein Tag, um zu Hause zu bleiben und sich auf das bevorstehende Online-Bewerbungsgespr\u00e4ch vorzubereiten.<br>Ich geb\u2019s zu: Ich bin keiner dieser Typen, die ihr Leben durchorganisieren, immer alles griffbereit haben und den M\u00fcll regelm\u00e4ssig rausbringen. Es k\u00f6nnte sein, dass ich zu denjenigen geh\u00f6re, die tagelang ihr Geschirr im Sp\u00fclbecken lagern. Es k\u00f6nnte auch sein, dass nicht immer gebettet ist, wenn ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause komme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Eltern waren die ordentlichsten Menschen, die ich kenne \u2013 es ist ein R\u00e4tsel, wieso ich dieses Gen nicht geerbt habe. Doch in einem bin ich unschlagbar: P\u00fcnktlichkeit. Zumindest wenn es um Verabredungen und Arbeit geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sass am Computer, durchforstete das Internet nach Informationen, die mir f\u00fcr das Gespr\u00e4ch noch Sicherheit geben konnten, wollte alles schnell erledigen, damit ich meinen restlichen freien Nachmittag einfach nur relaxen konnte. Meine Finger glitten \u00fcber die Tastatur, machten nebenher Notizen auf dem Block \u2013 alles lief wie geplant, bis pl\u00f6tzlich \u2026 der Bildschirm schwarz wurde.<br>Aber halt, es war nicht nur der Bildschirm, der einschlief \u2013 der gesamte Raum h\u00fcllte sich in Dunkelheit. War hier nicht eben noch Licht gewesen?<br>Selbst die Kaffeemaschine liess sich nicht einschalten, und der Kochherd blieb auch kalt. Ich hatte keinen Strom.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mir fiel die Stromrechnung ein, die ich \u2013 es k\u00f6nnte gut sein \u2013 nicht bezahlt hatte. Ich ging zum Briefkasten, und ein Schwall unge\u00f6ffneter Briefe kam mir entgegen. Zu meiner Verteidigung: Ich war im Urlaub gewesen. Drei ganze Wochen. Und der Briefkasten wirkte schon immer bedrohlich auf mich. Es fiel mir schon immer schwer, ihn zu \u00f6ffnen. Rechnungen f\u00fchlten sich wie eine Strafe an, die mir mein hart erarbeitetes Geld wegfrassen. Als w\u00fcrden sie mir sagen wollen: Vergiss es, entspannen kannst du, wenn du tot bist. Bis dahin: schufte, zahle, schufte, zahle, schufte, zahle. Klingt nicht wirklich nach Leben, oder?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um mich vor diesen unangenehmen Gef\u00fchlen zu sch\u00fctzen, fl\u00fcchtete ich mich in die Vermeidung: Wenn ich es nicht sehe, existiert es nicht.<br>Auf eine schmerzhafte Weise wurde mir an diesem Tag jedoch gezeigt, dass man nicht vor Unangenehmem davonlaufen kann. Schon gar nicht vor Rechnungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie hatten mir den Strom abgestellt. Also rief ich bei der zust\u00e4ndigen Stelle an und bat um Gnade. Schliesslich hatte ich in nur wenigen Stunden ein Bewerbungsgespr\u00e4ch. Mein Leben hing quasi von diesem Strom ab.<br>Der Mann am Telefon sagte mir, ich m\u00fcsse innert der n\u00e4chsten halben Stunde die Rechnung bezahlen und ihnen ein Beweisfoto schicken, dann k\u00e4men sie vorbei und w\u00fcrden den Strom wieder einschalten. Eine halbe Stunde. Dreihundertvierundzwanzig Franken. So viel kostete diese Rechnung.<br>Mein Kontostand: neun Franken und zwanzig Rappen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schweissperlen tropften mir bis zum Kinn hinunter. Besch\u00e4mt rief ich meinen Bruder an. Er ging nicht ans Telefon. Ich rief meine Mutter an. Sie reagierte nicht. Ich rief meinen Kumpel an. Er ging ran. Er w\u00fcrde mir helfen, aber sein Konto w\u00e4re auch verhungert. Er w\u00fcrde seine Mutter um Geld bitten und es mir danach direkt weiterleiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wartete. Und w\u00e4hrend sich die Minuten davonschlichen, sprang auch die Zahl meines verbleibenden Akkus von sieben auf f\u00fcnf Prozent. Ohne Strom kein Aufladen.<br>Ich knabberte an meinen Fingern\u00e4geln, tigerte im Wohnzimmer auf und ab. Vier Prozent.<br>Das Handy blinkte auf. Mein Kumpel hatte Geld gesendet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wechselte in meine Banking-App und l\u00f6ste die Zahlung aus. Schnell ein Foto. Drei Prozent. Mail abschicken. Zwei Prozent. Gesendet. F\u00fcnf Minuten vor der Frist. Null Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwanzig Minuten sp\u00e4ter wurde mein Strom wieder eingeschaltet. Ich lud mein Handy auf, kochte mir eine heisse Suppe und \u00f6ffnete alle Briefe, die sich sonst noch w\u00e4hrend der letzten Wochen angesammelt hatten. Es tat weh. Ja, das tat es wirklich.<br>Aber ich habe gelernt, dass Unangenehmes nicht einfach verschwindet, wenn man wegschaut. Das gilt f\u00fcr Rechnungen genauso wie f\u00fcr andere Lebensrealit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur mit dem Geschirrwegr\u00e4umen hapert\u2019s noch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber hey \u2013 ich habe gelernt, dass Probleme nicht verschwinden, wenn man sie ignoriert.<br>Der Strom schon.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einer dieser Tage, an denen das Wetter \u2013 wenn es reden k\u00f6nnte \u2013&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2810,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","footnotes":""},"categories":[22],"tags":[56,54,57,44,55,53],"class_list":["post-2809","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-alltagsgeschichten","tag-chaos","tag-engpass","tag-humor","tag-lebenamlimit","tag-stress","tag-strom"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2809","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2809"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2809\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2811,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2809\/revisions\/2811"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2810"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2809"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2809"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2809"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}