{"id":2813,"date":"2026-02-24T14:17:18","date_gmt":"2026-02-24T14:17:18","guid":{"rendered":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/?p=2813"},"modified":"2026-02-24T14:17:18","modified_gmt":"2026-02-24T14:17:18","slug":"zwanzig-jahre-schweigen-leben-mit-einem-narzisst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/zwanzig-jahre-schweigen-leben-mit-einem-narzisst\/","title":{"rendered":"Zwanzig Jahre Schweigen &#8211; Leben mit einem Narzisst"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich kam damals von einem Auslandsaufenthalt zur\u00fcck \u2013 vier Wochen Kuba, zwei Tage USA. W\u00e4hrend ich noch die Eindr\u00fccke der Reise in mir sortierte, suchte ich meinen Platz im Alltag wieder. Ich rief meine beste Freundin an und fragte, ob sie Lust h\u00e4tte, auszugehen. \u00abWas wollen wir tun?\u00bb, fragte sie aufgeregt. Ich zuckte mit den Schultern. Wir konnten uns kaum entscheiden, wo wir den Abend verbringen wollten, und liessen am Ende eine M\u00fcnze entscheiden. So landeten wir in einem ausgestorbenen Schuppen: Die Kellnerin putzte gelangweilt die Theke, ein paar verlorene Seelen sassen verstreut an Tischen. Meine Freundin und ich warfen uns naser\u00fcmpfende Blicke zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abIn zehn Minuten Fussmarsch ist ein Kino. Sollen wir nachsehen, was l\u00e4uft?\u00bb, schlug Ella vor. Ich nickte erleichtert. Doch als wir gerade zur T\u00fcr hinaus wollten, kamen ein paar Jungs herein. \u00abWo geht ihr denn hin?\u00bb, fragte einer von ihnen. Sein Haar war nach hinten gek\u00e4mmt, zwei Gr\u00fcbchen bohrten sich beim L\u00e4cheln in seine Wangen. \u00abWir wollten eigentlich weiterziehen \u2013 aber wenn ihr uns auf einen Drink einladet, bleiben wir gerne noch etwas.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Jungs liessen sich nicht zweimal bitten und nahmen uns in ihrer Gruppe auf. Der Mann mit den Gr\u00fcbchen hatte es mir besonders angetan. Wir tauschten Nummern und verabredeten uns bald darauf wieder. Mir war schnell klar, dass ich diesen Mann wollte. Wir wurden ein Paar, und ein paar Monate sp\u00e4ter zog ich bei ihm ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er war jemand, der nie lange in Beziehungen geblieben war \u2013 f\u00fcr mich damals der Beweis, dass ich etwas Besonderes sein musste, weil er sich f\u00fcr mich entschieden hatte. Doch nach der verliebten Anfangsphase wurde ich zunehmend verschlossener. Ich verlor meine Lebensfreude. Ich versuchte, in sein Leben zu passen, als w\u00e4re ich ein Puzzlest\u00fcck, das sich mit aller Kraft in das falsche Gegenst\u00fcck dr\u00fcckte. Wer war dieser Mann, der schweigend mit mir am Esstisch sass, sp\u00e4t nach Hause kam und sich wegdrehte, wenn ich nachts seine N\u00e4he suchte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Traurigkeit legte sich \u00fcber mich, ohne dass ich sie damals benennen konnte. Sein Umfeld bestand teilweise aus Exfreundinnen \u2013 sogar in meinem neuen Job arbeitete ich mit einer seiner Verflossenen zusammen. Er machte kein Geheimnis daraus, dass sie weiterhin eine wichtige Rolle in seinem Leben spielte. Wenn wir tanzen gingen, starrte er anderen Frauen hinterher und prahlte damit, unter welchem Rock er sich schon ausgetobt hatte. Ich lachte mit, doch innerlich bohrte es mir jedes Mal ein Messer ins Herz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eines Abends wollte ich ihn \u00fcberraschen: Ich kaufte h\u00fcbsche Dessous, pflegte meinen K\u00f6rper, legte mir einen Bademantel \u00fcber und wartete auf ihn. Er kam ersch\u00f6pft von der Arbeit nach Hause, sah mich an \u2013 und verzog das Gesicht. \u00abWas soll dieser Fummel? Sieht ja l\u00e4cherlich aus!\u00bb Bam. Eine Ohrfeige ohne Hand. Ich zitterte. Ich wollte die Trennung. \u00abDu bist so negativ und depressiv\u00bb, zischte er. \u00abIch kann nicht mehr. Ich werde ausziehen\u00bb, sagte ich. Er liess mich gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pl\u00f6tzlich zeigte er sich von einer neuen Seite. Er hinterliess butterweiche Nachrichten: <em>\u00abDu kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich dich vermisse, Johanna. Du bist die Liebe meines Lebens\u2026\u00bb<\/em> Ich blieb entschlossen und unterschrieb den neuen Mietvertrag. Er half mir beim Umzug, und wir verbrachten die wildeste Zeit unserer Beziehung. Es war aufregend, hemmungslos, unbeschwert. Ich vertraute ihm meine Tageb\u00fccher an \u2013 darin stand, wie sehr ich ihn liebte und dass ich mir immer gew\u00fcnscht hatte, er w\u00fcrde der Vater meiner Kinder werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abLass es uns nochmal versuchen\u00bb, bat er. Ich wollte es auch \u2013 aber unter einer Bedingung: \u00abIch m\u00f6chte mich sicher und geliebt f\u00fchlen. Und diesmal machen wir es richtig: Wir gr\u00fcnden eine Familie.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir heirateten, ich wurde schwanger \u2013 und hatte Angst, ihm nicht mehr zu gefallen. Er kommentierte st\u00e4ndig die K\u00f6rper anderer Frauen im Fernsehen, w\u00e4hrend er sich \u00fcberwinden musste, mich zu ber\u00fchren. Ich wollte, dass die Schwangerschaft schnell vorbeiging, damit ich mich wieder um meinen K\u00f6rper k\u00fcmmern konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bewertung meines K\u00f6rpers war nichts Neues: <em>\u00abJohanna, du hast ein bisschen zugelegt\u2026 Johanna, deine Nase ist zu gross\u2026\u00bb<\/em> Bewertungen begleiteten mich seit der Kindheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die erste Phase der Elternschaft war dennoch eine der gl\u00fccklichsten meines Lebens. Markus war ein f\u00fcrsorglicher Vater und stolz auf seinen Sohn. Doch als unser Kind \u00e4lter wurde, zeigte er Eigenschaften, die Markus M\u00fche bereiteten: Sensibilit\u00e4t, ADHS \u2013 er passte nicht in die Norm. Statt mich hinter mein Kind zu stellen, verteidigte ich meinen Mann. Ich verbog mich, um ihm zu gefallen \u2013 auf Kosten unserer Kinder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal, wenn ich im Wald spazieren gehe, sch\u00e4me ich mich, dass ich nicht fr\u00fcher erwacht bin.<br>Wer war diese Frau, die stillschweigend die W\u00e4sche von der Treppe einsammelte, nachdem er den Korb heruntergeschmissen hatte?<br>Wer war diese Frau, die den gesamten Haushalt alleine schmiss, Teller abwusch, den Garten pflegte, w\u00e4hrend er arbeitete oder mit Freunden unterwegs war?<br>Wer war diese Frau, die nur seine alten Gegenst\u00e4nde nachtragen durfte, w\u00e4hrend er sich immer wieder neue besorgte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> Nach unserem zweiten Kind erhielt ich ein Jobangebot. Markus stellte eine Bedingung: Wenn ich arbeiten wollte, musste ich die vollen Kosten der Kinderbetreuung \u00fcbernehmen. Ich akzeptierte \u2013 aus Angst, den Anschluss zu verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einem halben Jahr Teilzeitarbeit wuchs mir alles \u00fcber den Kopf: Job, Haushalt in einem Siebenzimmerhaus, Garten, Kinder \u2013 ohne Unterst\u00fctzung. Die M\u00fcdigkeit breitete sich in mir aus wie ein Virus. \u00abIch reisse mir hier den Arsch auf\u00bb, sagte er eines Abends. \u00abDu m\u00fcsstest nicht arbeiten, willst es aber trotzdem. Und trotzdem bist du ungl\u00fccklich.\u00bb Ich schlug vor, die Rollen aufzuteilen \u2013 50\/50. Doch gleich darauf belehrte er mich \u00fcber unsere L\u00f6hne. Ich k\u00fcndigte meinen Job.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich begann mit Network-Marketing. Es er\u00f6ffnete mir neue T\u00fcren, aber meine Freiheit hatte ihren Preis: Die Kinder musste ich zu meinen Eltern bringen \u2013 er war nicht bereit, sie zu betreuen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf meinen Reisen wurde mir bewusst, wie sehr ich unter dieser Beziehung litt: Mir kamen Bilder von Momenten, in denen er mich vor unseren Freunden blossgestellt hatte. Er nahm sich, was er wollte, wann immer er es wollte. Stand ich an der Sp\u00fcle zum Abwasch, kam er von hinten auf mich zu und fasste mich an den Br\u00fcsten oder klatschte mir auf den Hintern. Wenn ich mich ihm n\u00e4herte, r\u00fcmpfte er die Nase und warf mir vor, nicht gut genug zu riechen. Mein Selbstbewusstsein wurde mit der Zeit immer kleiner. Ich hielt es nicht mehr aus. Doch da waren unsere Kinder, das Haus, meine finanzielle Abh\u00e4ngigkeit\u00a0\u2026 <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eines Tages erz\u00e4hlte mir eine Freundin, sie habe sich von ihrem Mann getrennt. Sie erz\u00e4hlte von seinem Verhalten, und wie sehr sie unter dieser Beziehung gelitten hatte. Er hatte ihr gedroht, die Kinder wegzunehmen, im Falle einer Scheidung. In mir drin zog sich alles zusammen, denn in gewisser Weise erkannte ich eine Parallele zwischen unseren Beziehungen. Auch Markus hatte mir schon angedroht, sollte ich ihn verlassen, w\u00fcrde er mir die Kinder wegnehmen. \u00abMein Mann ist Narzisst\u00bb, vertraute mir meine Freundin an. Ich schluckte. \u00abWas heisst das jetzt?\u00bb, wollte ich wissen. \u00abNaja, das bedeutet, dass er ein krankhaftes Selbstbild hat und es unm\u00f6glich ist, mit so einem Menschen eine Beziehung zu f\u00fchren. Entweder man akzeptiert alles, was dieser Mensch von einem verlangt, und geht dabei selbst zugrunde, oder man ergreift die Flucht.\u00bb Ich dachte noch lange dar\u00fcber nach in den n\u00e4chsten Wochen. Daraufhin informierte ich mich \u00fcber das Thema Narzissmus, las B\u00fccher und sprach mit Fachpersonen dar\u00fcber. Mir war klar, es gab kein Zur\u00fcck mehr. Ich musste da weg und f\u00fcr mich und die Kinder ein neues Leben aufbauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf einmal machte alles Sinn: meine Gef\u00fchle, meine Unsicherheit, meine Paranoia \u2013 es war, als w\u00fcrde sich eine Lawine von mir l\u00f6sen; ich war nie das Problem gewesen, was f\u00fcr eine Erleichterung! Ich sagte ihm, dass ich ein Wochenende f\u00fcr mich brauche. Er war einverstanden und liess mich eine Auszeit nehmen. An diesem Wochenende schaute er, ohne Einwand, zu den Kindern, und als ich wieder nach Hause kam, war das ganze Haus geputzt und der Rasen gem\u00e4ht. Zum ersten Mal in 20 Jahren hatte er den Haushalt erledigt. Ich war verunsichert: Lag ich wom\u00f6glich doch falsch und hatte die Dinge einfach falsch gesehen? Hatten wir doch noch eine Chance? Am n\u00e4chsten Tag machten wir als Familie einen Ausflug. Wir gingen in den Wald spazieren und luden Freunde ein. Ich unterhielt mich mit meiner Freundin, mein Sohn spielte mit dem Sohn unserer Freunde und unsere Tochter lief neben uns her. Als unser Sohn beim Herumalbern st\u00fcrzte und unser Weitergehen dadurch blockiert war, baute sich Markus vor mir auf und warf mir vor, nicht genug auf die Kinder aufzupassen. Wir h\u00e4tten einen entspannten Spaziergang haben k\u00f6nnen, aber ich hielt es nicht f\u00fcr n\u00f6tig, die Kinder im Auge zu behalten. Ich sp\u00fcrte, wie in mir Hitze aufstieg. Da war eine brennende Wut unter meinen Rippen. Ich sah in den starren Augen aller Anwesenden, dass sie \u00fcber Markus\u2019 Ausbruch ebenso entsetzt waren. F\u00fcr mich war klar: Mit ihm werde ich nicht alt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abWas ist mit uns? Wie geht es weiter?\u00bb, fragte er mich am Abend, nachdem die Freunde weg und die Kinder im Bett waren. \u00abEs ist vorbei.&#8220; Er war einverstanden und wandte sich von mir ab. Ich setzte mich aufs Sofa, nahm mein Smartphone in die Hand und scrollte lustlos in meinem Instagram-Feed herum. Wir schwiegen uns an und ich machte mir Vorw\u00fcrfe. Sein Schweigen liess mich bl\u00f6d dastehen. Als w\u00e4re ich schuldig am Scheitern unserer Ehe, als w\u00e4re es meine Schuld, dass die Kinder ihr gewohntes Familienleben verlieren w\u00fcrden. Ein paar Tage sp\u00e4ter sagte Markus zu mir: \u00abIch m\u00f6chte das geteilte Sorgerecht und die Kinder sollen zur H\u00e4lfte bei mir leben.\u00bb Ich willigte ein, weil ich keine Kraft hatte, mich ihm entgegenzustellen, und, weil ich es ihm leicht machen wollte. Schon wieder wollte ich es ihm so bequem wie m\u00f6glich machen \u2013 selbst die Trennung. Es brach mir das Herz, mir vorstellen zu m\u00fcssen, dass die Kinder immer wieder ihre Koffer packen mussten, um vom einen Zuhause zum n\u00e4chsten zu ziehen. Die Kinder bewunderten und liebten ihren Vater. Bei ihm hatten sie ihre Freiheit und waren oft auf sich allein gestellt. Nur ein paar Wochen nach unserer Trennung erfuhr ich von einer neuen Freundin an Markus\u2018 Seite. Es war die Ex, mit der ich fr\u00fcher mal zusammengearbeitet hatte. Jemand erz\u00e4hlte mir, dass Markus sie schon l\u00e4nger traf. Sie zog bei ihm ein, in unser altes Haus, und ich richtete mich in meiner neuen Wohnung ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die erste Zeit war schwer. Ich musste lernen, dass die Kinder nicht mehr immer bei mir waren. Ich arbeitete wieder Teilzeit. An freien Tagen bot ich an, die Kinder zu betreuen \u2013 er lehnte ab und engagierte lieber eine Nachbarin oder liess sie allein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bereue einiges: das Wechselmodell, mein Schweigen, mein st\u00e4ndiges Besch\u00fctzen von Markus. Ich habe aus Angst gehandelt. Doch ich habe auch Freiheit gefunden: Kreativit\u00e4t, Freundschaften, mein Network-Marketing.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute begleite ich Menschen, die sich selbst besser kennenlernen wollen. Ich arbeite als Coach und Autorin und liebe es, andere in ihr Potenzial zu f\u00fchren. Heute weiss ich: Ich muss mich nicht in ein falsches Puzzle hineindr\u00fccken. Man darf sich Zeit nehmen, um das richtige Gegenst\u00fcck zu finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kam damals von einem Auslandsaufenthalt zur\u00fcck \u2013 vier Wochen Kuba, zwei Tage USA. 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