{"id":2822,"date":"2026-03-30T16:13:16","date_gmt":"2026-03-30T16:13:16","guid":{"rendered":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/?p=2822"},"modified":"2026-03-30T16:13:16","modified_gmt":"2026-03-30T16:13:16","slug":"stimme-gegen-das-schweigen-ein-portrait","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/stimme-gegen-das-schweigen-ein-portrait\/","title":{"rendered":"Stimme gegen das Schweigen &#8211; ein Portrait"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>&#8222;Sch\u00e4me dich nicht, rede \u00fcber das, was dich bewegt. Du bist nicht allein. Wir sind viele&#8220; &#8211; Dominique Hodel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dominique wuchs in Grenchen auf, in einer kleinen Wohnung, die manchmal enger war als ihr kindlicher Blick es ertragen konnte. Ihre Mutter, eine Frau mit stillen Narben und einer Entschlossenheit, die man erst versteht, wenn man sie lange kennt, zog sie allein gross. Von ihrem Vater blieb nur ein Schatten, ein Name, ein Kapitel, das schmerzlich abgeschlossen wurde. Sie hatte ihn nie kennengelernt, nur die Kenntnis von seinen Taten und der Zeit, die er hinter Gittern verbrachte. Stattdessen trat fr\u00fch ein Stiefvater in ihr Leben, und mit ihm eine neue Form von Normalit\u00e4t. Ein sicherer Hafen inmitten kleiner St\u00fcrme, die der Alltag mit sich brachte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die finanziellen Verh\u00e4ltnisse waren bescheiden, manchmal schmerzhaft knapp. Dominique lernte fr\u00fch, dass W\u00fcnsche warten m\u00fcssen und Verantwortung kein Wort ist, sondern ein Zustand. Und doch tr\u00e4gt sie eine W\u00e4rme in sich, die man nicht kaufen kann. Sie erinnert sich gern an die Ger\u00e4usche ihrer Kindheit: Sprachen, die ineinanderflossen wie Wasserfarben, Ger\u00fcche aus K\u00fcchen, die Geschichten erz\u00e4hlten, die weit \u00fcber Grenchen hinausreichten. Dieses multikulturelle Umfeld wurde zu ihrem inneren Kompass. Noch heute wird sie an Feste eingeladen, an denen sie die einzige ohne Migrationsgeschichte ist \u2014 und doch geh\u00f6rt sie dazu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihre eigene Verwandtschaft hingegen war b\u00fcrgerlich, ordentlich, korrekt \u2014 und manchmal eng im Denken. Vielleicht war es genau diese Enge, die sie in der Jugend aufbrechen wollte. Dominique wurde rebellisch, trat der Juso bei, organisierte Demonstrationen, stand auf Pl\u00e4tzen, auf denen man laut sein musste, damit \u00fcberhaupt jemand zuh\u00f6rte. Ihre Verwandten bl\u00e4tterten die Zeitung auf und fanden sie dort wieder, mit entschlossenem Blick und klarer Haltung. Es missfiel ihnen. Ihr war das egal. Oder zumindest tat sie so.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon w\u00e4hrend der Schulzeit \u00f6ffnete ihr Engagement ihr die T\u00fcren zur Jugendsession in Bern. F\u00fcr Dominique war die Meinungs- und Versammlungsfreiheit nie bloss ein Recht, sondern ein Versprechen: dass man die eigene Stimme nicht verschwenden darf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit 21 lernte sie ihren ersten Freund kennen. Es war eine ausgelassene Nacht, Musik, Discolicht, ein Moment, in dem die Welt weichgezeichnet war. Er war b\u00fcrgerlich und ein Mann mit Rang im Milit\u00e4r \u2014 ein Gegenentwurf zu allem, was sie war. Eigentlich gab es viele Warnsignale, doch sie \u00fcbersah sie. Oder wollte sie \u00fcbersehen. Manchmal ist das Bed\u00fcrfnis nach Zuneigung lauter als die roten F\u00e4hnchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er erz\u00e4hlte von juristischen Problemen mit seiner Ex-Partnerin, stellte sich als Opfer dar, und Dominique schob ihr Bauchgef\u00fchl beiseite, glaubte ihm. Sie war beeindruckt von seiner Grossz\u00fcgigkeit, von den spontanen Reisen, die er ihr schenkte. F\u00fcr ein M\u00e4dchen, das nie viel hatte, f\u00fchlte sich dieses \u201eLove-Bombing\u201c wie ein M\u00e4rchen an. Er behandelte sie wie eine Prinzessin \u2014 und sie, die sich nie so gef\u00fchlt hatte, liess sich davon blenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch M\u00e4rchen haben Risse. Erst kleine, dann tiefe. Er begann, ihre politische Aktivit\u00e4t zu kritisieren. Im Milit\u00e4r, sagte er, h\u00e4tten sie Probleme damit. Aus R\u00fccksicht \u2014 oder aus Angst, ihn zu verlieren \u2014 liess sie ihre politische Arbeit fallen. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck wurde sie stiller. Ihr Umfeld bemerkte es. Der Glanz, der sie immer begleitet hatte, wurde schw\u00e4cher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als sie ihm ihre Sorgen anvertraute, begann er, sie von ihrem Umfeld abzukapseln. Und als sie zusammenzogen, kippte etwas. Die Gewalt kam nicht pl\u00f6tzlich, sondern schleichend. Er gab ihr die Schuld f\u00fcr seine Wut. Unter dem Bett lag eine Waffe. Allein ihr Wissen darum reichte, um Angst zu einem st\u00e4ndigen Begleiter zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er verletzte sie so schwer, dass ihr R\u00fccken dauerhaften Schaden davontrug. Die Arbeit im Gartenbau musste sie aufgeben. Im Spital sagten die \u00c4rzte ihr, dass sie, sollte sie noch einmal so eingeliefert werden, vielleicht nicht \u00fcberleben w\u00fcrde. Zuerst empfand sie diese Worte als unversch\u00e4mt. Doch sp\u00e4ter begannen sie in ihr zu arbeiten. Sie erkannte ein Muster, das sie lange nicht hatte sehen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie brauchte sieben Jahre, um sich zu l\u00f6sen. Sie erstattete keine Anzeige \u2014 nicht aus Schw\u00e4che, sondern aus Ersch\u00f6pfung, aus Angst, aus dem Bed\u00fcrfnis, einfach nur zu entkommen. Doch sie suchte Hilfe. Eine Psychologin wurde zu einem sicheren Ort, und mit ihrer Unterst\u00fctzung schaffte Dominique den Schritt hinaus. Er machte es ihr nicht leicht. Er drohte, stellte ihr nach. Erst als sie alleine wohnte, begriff sie das Ausmass dessen, was sie durchlebt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als die Organisation&nbsp;<em>Sister Domestic Violence<\/em>&nbsp;gegr\u00fcndet wurde, sprach sie zum ersten Mal mit anderen Frauen dar\u00fcber. Dort f\u00fchlte sie sich verstanden. Heute ist sie Pr\u00e4sidentin dieser Organisation. Sie will nicht als Opfer gesehen werden \u2014 und sie weiss, dass viele Betroffene dasselbe empfinden. Aus ihrer Erfahrung hat sie Kraft gesch\u00f6pft. Sie ist erbl\u00fcht, hat ihre Stimme wiedergefunden und nutzt sie, um anderen Mut zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach und nach kehrte sie zur Politik zur\u00fcck. Bei der SP engagierte sie sich besonders f\u00fcr Frauen, Familien und den Schutz vor h\u00e4uslicher Gewalt. Bei einer Sitzung mit der sdv (<em>Sister Domestic Violence<\/em>) sagte sie einmal scherzhaft: \u201eIch werde Stadtr\u00e4tin, dann k\u00f6nnen wir unsere Anliegen besser durchsetzen.\u201c Zwei Wochen sp\u00e4ter wurde sie tats\u00e4chlich angefragt. Und sie wurde gew\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Endlich wird sie geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihr Leben ist heute prall gef\u00fcllt mit Terminen, Sitzungen, Gespr\u00e4chen. Sie nutzt die Privilegien, die sie in der Schweiz hat, um eine Stimme f\u00fcr jene zu sein, die weniger Geh\u00f6r finden. Sie sp\u00fcrt einen dr\u00e4ngenden Freiheitsdrang, ein Bed\u00fcrfnis, noch mehr zu ver\u00e4ndern. Sie weiss aber auch, dass politisches Engagement Schattenseiten hat. Anfeindungen geh\u00f6ren dazu. Doch sie l\u00e4sst sich nicht beirren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tiere liegen ihr besonders am Herzen. Ein Traum begleitet sie seit Jahren: eines Tages einen Gnadenhof zu er\u00f6ffnen. Einen Ort, an dem verletzte Wesen \u2014 ob Mensch oder Tier \u2014 wieder Frieden finden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Sch\u00e4me dich nicht, rede \u00fcber das, was dich bewegt. Du bist nicht allein. 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