{"id":2878,"date":"2026-07-21T17:22:56","date_gmt":"2026-07-21T17:22:56","guid":{"rendered":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/?p=2878"},"modified":"2026-07-21T17:22:56","modified_gmt":"2026-07-21T17:22:56","slug":"ein-unerwarteter-sommer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/ein-unerwarteter-sommer\/","title":{"rendered":"Ein unerwarteter Sommer"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Glitzernde Bergseen, atemberaubende Alpenkulisse, saftige Blumenwiesen \u2013 die Schweiz hat vieles zu bieten, besonders im Sommer. \u201eHier zu bleiben lohnt sich auch\u201c, h\u00f6rte ich Stimmen sagen, die mir Mut machen wollten, weil wir nicht in die Ferne reisten. Weit weg von den zehrenden Verpflichtungen des Alltags.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich stellte mir die Sommerferien f\u00fcr einmal weniger anstrengend vor. Diesmal buchte ich keinen Ferienpass. Meine Mutter ist jetzt in Rente und w\u00fcrde zum ersten Mal in meinem Leben richtig Zeit f\u00fcr mich haben. Sie wollte die Kinder hin und wieder betreuen und mit ihnen Ausfl\u00fcge unternehmen. Sie hat immer gearbeitet \u2013 seit ich denken kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Endlich war da eine Grossmutter, die ich jederzeit (zumindest fast immer) anrufen konnte. Sorglos startete ich in die erste Ferienwoche. Mein Sohn hatte kurz zuvor Geburtstag gehabt. Sein Geschenk von meiner Mutter war eine Reise nach London. Aufgeregt trat er das Abenteuer am Montag an, w\u00e4hrend ich mit meiner Tochter eine M\u00e4dchenwoche plante. Wir besuchten einen Gnadenhof, gingen Eis essen und verbrachten die Tage im Schwimmbad. Doch ich sp\u00fcrte eine leise Anspannung in mir, die sich durch die Woche zog, und war froh, dass es nun nicht mehr lange dauern w\u00fcrde, bis mein Kind wieder von London heimkehren sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am letzten Tag z\u00e4hlte ich schon fast sehns\u00fcchtig die Stunden. \u201eJetzt m\u00fcssten sie im Flugzeug sitzen\u201c, sagte ich mit einem wohligen Seufzer zu meiner Tochter. Dann kam der Anruf. Darauf folgte Fassungslosigkeit: Ein verpasster Treppenabsatz, ein Sturz, zwei blaue F\u00fcsse, die immer weiter anschwollen. Meine Mutter lag, von einer Menschentraube umkreist, am Boden. Das Flugpersonal weigerte sich, sie mitfliegen zu lassen. \u201eWir m\u00fcssen wieder zur\u00fcck nach London ins Krankenhaus\u201c, sagte sie am Telefon. Mein Herz klopfte. Der Atem wog schwer durch meinen Brustkorb. Ich tigerte in der Wohnung hin und her, hoffend, es w\u00e4re alles nur halb so wild. Vielleicht h\u00e4tte sie sich nur den Fuss verstaucht und k\u00f6nnte mit dem n\u00e4chsten Flug nach Hause kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Hoffnung wurde leiser, als ich die Diagnose erfuhr: Dreifachfraktur. Ich stellte mir vor, wie sie da auf einem Sessel sass \u2013 stundenlang, kaum untersucht, kaum versorgt. Ich stellte mir mein Kind vor, wie es sich zu Tode langweilte und sein junges Herz aufgeregt gegen den Brustkorb h\u00e4mmerte. Wie es die Nacht allein in einem kalten Zimmer mit grellem Licht verbringen musste, ohne Handyakku und vertrautes Gesicht. Ich brachte kein Auge zu, weil ich wissen wollte, wie es weitergehen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Morgen kam die erl\u00f6sende Nachricht: Sie k\u00f6nnten mittags zur\u00fcckfliegen. Wir holten sie ab und brachten sie direkt ins Krankenhaus. \u201eEs war die H\u00f6lle\u201c, erkl\u00e4rte mir meine Mutter. Ich konnte die Ersch\u00f6pfung und den Schock in ihren Augen sehen. Sie sei noch nie so froh gewesen, wieder in der Schweiz zu sein. Sie erz\u00e4hlte, wie sie vom Personal im Krankenhaus im Stich gelassen wurde. Wie ihr niemand eine Thrombosespritze f\u00fcr den Flug verabreichen wollte. Wie sich eine Angestellte weigerte, f\u00fcr sie ein Taxi zu rufen oder sie zumindest mit dem Rollstuhl zum Telefon zu schieben, damit sie selbst anrufen konnte. Zum ersten Mal sp\u00fcrte sie, wie es sich anf\u00fchlen muss, wenn man wie Dreck behandelt wird, obwohl man auf Hilfe angewiesen ist. Wie es anderen ergehen muss, die weniger privilegiert sind; Menschen im Krieg, die noch schlimmere Verletzungen haben und keine Behandlung, die ihr Leben retten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Bieler Krankenhaus wurde neben dem Dreifachbruch im einen Fuss auch eine einfache Fraktur im anderen Fuss festgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei kaputte F\u00fcsse, die sie normalerweise durch den Alltag tragen. Zwei so wichtige K\u00f6rperteile, von denen nicht nur ein Leib abh\u00e4ngig ist, sondern ein Laden und seine Waren, die nun in Stille auf ihren n\u00e4chsten Einsatz warten m\u00fcssen. Eine Tochter, die auf ihre Arbeit und Vorhaben verzichten muss, weil ihre Fremdbetreuung ausf\u00e4llt. Enkelkinder, deren Pl\u00e4ne verschoben werden m\u00fcssen, weil ihre liebe Oma gerade nicht verf\u00fcgbar ist. Eine Wohnung, deren liebevolle Einrichtung nicht mehr gepflegt werden kann. Eine Reisegruppe, die sich aufl\u00f6sen musste, weil die Initiantin Bettruhe ben\u00f6tigt. Ein See, der auf seine treuste Schwimmerin verzichten muss. Doch am schwierigsten ist es f\u00fcr meine Mutter, sich nicht mehr wie sie selbst zu f\u00fchlen. Ein Gef\u00fchl, das ich so gut kenne, weil ich selbst erlebt habe, auf Eis gelegt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es wirkt wie eine leere Floskel, wenn man sagt: Das Leben kann sich so schnell \u00e4ndern. Dabei ist es die gr\u00f6sste Wahrheit, die es gibt. Nichts \u00e4ndert sich so schnell und so unvorhersehbar wie die Umst\u00e4nde des eigenen Seins. Von einer Sekunde auf die andere k\u00f6nnen sich Realit\u00e4ten verschieben. Niemand warnt einen davor, wie schwierig es sein kann, seine eigene Identit\u00e4t aufzugeben, wenn man pl\u00f6tzlich nicht mehr die Macht hat, \u00fcber sich selbst zu bestimmen. Niemand sagt einem, wie schwer es ist, Hilfe anzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir gehen durchs Leben, als g\u00e4be es kein Ende. Als w\u00e4re die Endlichkeit eine Fantasie. Wir schrauben an der Wirtschaft, als w\u00e4ren wir der Schl\u00fcssel, der die Welt ins Paradies f\u00fchrt. Dabei vergessen wir, dass wir nur Besucher sind auf dieser Erde, deren Kostbarkeit mit keiner Leistung, keinem technischen Fortschritt, keiner materiellen Anh\u00e4ufung in Ehre gehalten werden kann. Was uns bleibt, ist nur der Moment und die Liebe. Momente, die f\u00fcr immer in Erinnerung bleiben, und Liebe, die \u00fcber Generationen weitergetragen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unf\u00e4lle und Krankheiten erinnern uns daran, dass Kontrolle eine Illusion ist. Manchmal sind sie wichtige Botschafter f\u00fcr die Geschichten, die in uns leben und durch sie nach aussen getragen werden m\u00f6chten. Manchmal sind sie da, um uns eine weitere Chance zu geben. Und manchmal warten wir vergebens auf eine Erkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber was ich weiss, ist, dass ich mich wieder erinnern darf \u2013 an meine eigene Zerbrechlichkeit. Dass es wieder Zeit ist, tiefer zu blicken. Mehr im Innern zu sein, mehr bei mir. Mehr zu ehren, was ich bin und was ich habe. Denn wir wissen nie, was morgen kommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb: Lass jeder Tag ein guter Tag f\u00fcr ein Change sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Glitzernde Bergseen, atemberaubende Alpenkulisse, saftige Blumenwiesen \u2013 die Schweiz hat vieles zu bieten, besonders im&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2880,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22],"tags":[],"class_list":["post-2878","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-alltagsgeschichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2878","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2878"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2878\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2881,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2878\/revisions\/2881"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2880"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2878"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2878"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2878"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}