{"id":2885,"date":"2026-09-05T19:48:01","date_gmt":"2026-09-05T19:48:01","guid":{"rendered":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/?p=2885"},"modified":"2026-09-05T19:48:01","modified_gmt":"2026-09-05T19:48:01","slug":"die-heimlichkeiten-einer-mutter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/die-heimlichkeiten-einer-mutter\/","title":{"rendered":"Die Heimlichkeiten einer Mutter"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gab sie schon immer: die kleinen Geheimnisse, die ich vor meinen Kindern verborgen hielt. Hier ein Ohr ihres Osterhasen abgebissen, wenn sie l\u00e4ngst in ihre Traumwelt abgetaucht waren; dort den Hello\u2011Kitty\u2011Lipgloss meiner Tochter ausgeliehen, den eigentlich niemand ber\u00fchren durfte. Eine Art Gegenleistung f\u00fcr all die Lippenstifte, die sie mir schon entwendet hat. Harmlos, diese kleinen Klauereien, doch ich musste mir stets kreative Geschichten ausdenken, denn ihnen entgeht nie etwas. Wenn Kinder klein sind, ist es schon eine Herausforderung, hinter ihrem R\u00fccken Essen zu verstecken oder ihre Sch\u00e4tze zu borgen. Doch sobald sie gr\u00f6sser werden, wird es zu einer beinahe kriminellen Aufgabe, sich etwas zu g\u00f6nnen, von dem sie nichts wissen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dabei geht es l\u00e4ngst nicht nur ums Essen. Im Leben einer Mutter gibt es unz\u00e4hlige Dinge, die verheimlicht werden m\u00fcssen, weil die Folgen verheerend w\u00e4ren, wenn die kleinen Detektive dahinterk\u00e4men. Ich erinnere mich an die Zeit, in der ich nach langem Singledasein wieder angefangen habe zu daten. Ich f\u00fchlte mich, als w\u00fcrde ich meine Kinder betr\u00fcgen. Die Telefonate und Treffen mit meinem jetzigen Freund fanden nachts statt. Und nat\u00fcrlich will man nicht im Schlafanzug und mit Gammelfrisur erscheinen, wenn man jemanden trifft. Also wurde um zehn Uhr abends &#8211; nachdem ich mich zwei Stunden mit der Schlafroutine abgem\u00fcht und vor Ersch\u00f6pfung im Kinderbett eingeschlafen war &#8211; wieder geduscht und chic gemacht, als h\u00e4tte der Tag gerade erst begonnen. Nach dem Date hiess es dann, die Spuren zu beseitigen. Nicht nur, weil ich den Kindern nichts erkl\u00e4ren wollte, sondern auch f\u00fcr mich selbst: um mich wieder in den Modus der Mutter einzuloggen. Denn zwischen Muttersein und Frausein liegen Welten, die sich manchmal kaum in Worte fassen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Augen der Kinder sind wir M\u00fctter eine Art Heinzelfiguren, die Erledigungen fast automatisch bew\u00e4ltigen. Wir wissen alles, wir k\u00f6nnen alles &#8211; zumindest, wenn es um lebenswichtige Angelegenheiten geht. Ab einem gewissen Alter gibt es eine unsichtbare Grenze f\u00fcr alles, was Spass macht und nicht in den Sektor \u201eLeistung\u201c f\u00e4llt. Neulich habe ich mich mit meinen Kopfh\u00f6rern im Bad eingeschlossen, um Musik zu h\u00f6ren. Denn tags\u00fcber Musik anzumachen gleicht einer Unm\u00f6glichkeit. Fast zu jeder Tageszeit dr\u00f6hnen Thizzy 52, la Mano, Zahide oder Nina Chuba aus irgendeiner Ecke. Und ausserdem scheint es f\u00fcr meine Kinder einfach ultra peinlich zu sein, wenn ich Musik h\u00f6re. Vom Tanzen ganz zu schweigen. Ich sei zu alt daf\u00fcr, hat man mir gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn meine Tochter vor dem Spiegel ihre T\u00e4nze einstudiert, l\u00e4chle ich m\u00fcde und erinnere mich an die Momente, in denen auch ich vor dem Spiegel zu Destiny\u2019s Child und Christina Aguilera gesungen und getanzt habe. Vielleicht steigen mir deshalb fast immer die Tr\u00e4nen in die Augen, sobald Julia Stiles auf meinem Insta erscheint,  weil mit ihr und <em>Save the Last Dance<\/em> ein Teil in mir aufleuchtet, der irgendwo schlummert, aber seit Ewigkeiten auf stumm geschaltet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich frage mich, ob es wirklich die Kinder sind, die von uns M\u00fcttern eine Rolle verlangen, die unerm\u00fcdlich leistet, gibt und funktioniert. Vielleicht ist es ein System, das uns einredet, wir m\u00fcssten unser Vergn\u00fcgen hinter der Badezimmert\u00fcr suchen, weil wir sonst versagt h\u00e4tten. Das Leben vieler M\u00fctter jenseits des Haushalts findet nachts statt: Filme schauen, wenn die Kinder schlafen. Nachrichten schreiben, wenn die Kinder schlafen. Musik h\u00f6ren und tanzen, wenn die Kinder schlafen. Dates haben, wenn die Kinder schlafen. Ein Buch lesen, wenn die Kinder schlafen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich an meine eigene Mutter zur\u00fcckdenke, erinnere ich mich daran, dass sie vor allem leistete. Doch eines liess sie sich nicht nehmen: ihre B\u00fccher. Sie las, auch wenn wir zuhause waren. Daf\u00fcr blieb die W\u00e4sche manchmal tagelang liegen. Erst jetzt, da sie nach jahrzehntelangem Arbeiten endlich in Rente gehen konnte, sehe ich, wie eine Frau zum Vorschein kommt, die das Leben auskosten m\u00f6chte, das sie so lange zur\u00fcckhalten musste. Und ausgerechnet jetzt hatte sie einen Unfall und ist eingeschr\u00e4nkt. F\u00fcr mich ist das eine Botschaft: dass wir M\u00fctter nicht auf den richtigen Moment warten sollten, um unser eigenes Ich wieder freizulassen. Sondern dass es im Alltag Platz haben darf &#8211; auch tags\u00fcber, im Wohnzimmer, mit Schokolade und laut aufgedrehter Musik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine kleine Mamalution \ud83d\ude42 <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gab sie schon immer: die kleinen Geheimnisse, die ich vor meinen Kindern verborgen hielt&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2886,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22],"tags":[],"class_list":["post-2885","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-alltagsgeschichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2885","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2885"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2885\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2887,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2885\/revisions\/2887"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2886"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2885"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2885"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2885"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}