{"id":309,"date":"2026-03-10T13:59:35","date_gmt":"2026-03-10T13:59:35","guid":{"rendered":"https:\/\/baobab-haar.ch\/blog\/?p=309"},"modified":"2026-03-10T13:59:35","modified_gmt":"2026-03-10T13:59:35","slug":"die-kinder-dazwischen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/die-kinder-dazwischen\/","title":{"rendered":"Die Kinder dazwischen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein sanfter Wind kitzelt meine Wangen. Ein paar Meter entfernt telefoniert eine Frau auf Italienisch. Jemand aus der Nachbarschaft hat das Fenster ge\u00f6ffnet und h\u00f6rt eine Radiosendung. Ich sitze auf dem Balkon und l\u00e4chle die Pflanzen an, die mich umgeben. Der Feigenbaum ist schon so gewachsen, dass er sein eigenes Gewicht nicht mehr tragen kann. Ich bin dankbar und f\u00fchle mich wohl in meinen eigenen vier W\u00e4nden, hier in meinem kleinen Dschungel. Es sind diese stillen, aber doch ger\u00e4uschvollen Momente, die mich erden. Gleichzeitig sind es diese Augenblicke, die mich nachdenklich stimmen und die gro\u00dfen Fragen an mich und mein Leben richten. Dann, wenn ich einen kleinen Moment im Hier und Jetzt ankomme, tauchen sie auf:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><strong>Wer bin ich? Wer m\u00f6chte ich sein? Wohin geh\u00f6re ich?<\/strong> <\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Grunde bin ich ziemlich m\u00fcde, mir diese Fragen immer wieder zu stellen. Tue ich schon nichts anderes mein ganzes Leben lang. Fr\u00fcher glaubte ich noch, ich w\u00fcrde die Antwort irgendwann finden. Ich dachte, ich w\u00fcrde mir nur einbilden, mich nie wirklich daheim zu f\u00fchlen. Mit allen Mitteln versuchte ich immer wieder dieses Gef\u00fchl loszuwerden, fehl am Platz zu sein. Es ist nicht mehr so wie fr\u00fcher, damals, als Kind, als ich noch herausstach mit meinen Haaren, die sich in den H\u00e4nden wie Wolle anf\u00fchlten. Nein, ganz bestimmt ist es heute nicht mehr so, wenn um mich herum Frauen mit Kopft\u00fcchern ihre Kinderwagen herumschieben, oder ich Sonntags im t\u00fcrkischen Laden das Fr\u00fchst\u00fcck hole. Es ist bunt um mich herum, alles darf sein, nichts muss. So suggeriert es mir das Internet und die Regenbogenflagge an der Hausmauer nebenan.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><strong>Eine tr\u00fcgerische Fassade<\/strong> <\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz der menschlichen Diversit\u00e4t verblasst meine Sehnsucht nach einem Heimatgef\u00fchl nicht. Die vermeintliche Vielfalt scheint mich zu t\u00e4uschen. Hinter ihrem sch\u00f6nen \u00c4u\u00dferen verbirgt sich eine d\u00fcstere Realit\u00e4t. Die Gesellschaft ist noch nicht so weit. Die Welt z\u00f6gert noch, ihre Arme f\u00fcr alle auszubreiten. Sie ist immer noch im Ungleichgewicht. F\u00fcr die einen ist es leicht einen gut bezahlten Job zu finden, die anderen scheitern an ihrer Herkunft oder ihrer Pers\u00f6nlichkeit daran. Die Furcht vor dem Unbekannten verkleidet sich in subtilem Rassismus. Nicht jedem wird den gleichen Wert beigemessen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich befinde mich dazwischen, aus Gegens\u00e4tzen geformt. Irgendwo in der wachsenden Kluft finde ich mich wieder, klammere mich an den scharfen R\u00e4ndern fest. Vielleicht ist es gerade diese Grauzone, die mich heimatlos f\u00fchlen l\u00e4sst. Einige meiner Vorfahren waren unterdr\u00fcckt, w\u00e4hrend andere im Spiel des Lebens dominierten. Ein fortw\u00e4hrender Konflikt, der in meinem Inneren widerhallt. Ein Kind aus \u00d6l und Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In mir lebt ein Widerspruch, der mich st\u00e4ndig meine Rolle in dieser Gesellschaft hinterfragen l\u00e4sst. Ich trage nicht die Erfahrungen jener in mir, die ihre Heimatl\u00e4nder verlassen mussten, um in der Schweiz ein besseres Leben zu finden. Geboren und aufgewachsen hier, beherrsche ich die Sprache und kenne die kulturellen Normen. Dennoch verberge ich einen Teil meiner Identit\u00e4t, der seine Wurzeln in einem anderen Land hat, aus Angst, von der Gesellschaft nicht vollst\u00e4ndig akzeptiert zu werden. Ich k\u00f6nnte der Gesellschaft die Schuld geben, aber was ist die Gesellschaft? Sie setzt sich aus verschiedenen Gruppen zusammen, die eine gemeinsame Geschichte teilen und sich in ihrer Kultur wiederfinden, besonders wenn sie sich von anderen Gruppen ausgeschlossen oder bedroht f\u00fchlen. Dann gibt es uns, die Gemischten, die weder wei\u00df noch schwarz sind, aber auch diejenigen zweiter Generation, deren Eltern einst Migranten waren. Wir beobachten, verstehen beide Perspektiven und erkennen die Fehler auf beiden Seiten. St\u00e4ndig sind wir auf der Suche nach unserem Platz, nur um zu erkennen, dass es diesen Platz vielleicht gar nicht gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur hier, zu Hause, wo Stille und Ger\u00e4usche aufeinandertreffen, bin ich wirklich ich. Hier habe ich mir meinen eigenen Ort aus den Puzzleteilen der Gegens\u00e4tze erschaffen. Hier vermischen sich \u00d6l und Wasser, als w\u00e4re kein Emulgator n\u00f6tig. An diesem Ort wird mir bewusst, dass wir, die Kinder dazwischen, das Ergebnis eines Versuchs sind, die Welt zu vereinen. Solange es der Weltbev\u00f6lkerung jedoch nicht gelingt, einander die H\u00e4nde zu reichen, werden wir, die Kinder dazwischen, stets nach unserem Platz suchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein sanfter Wind kitzelt meine Wangen. 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