{"id":373,"date":"2025-11-25T08:50:47","date_gmt":"2025-11-25T08:50:47","guid":{"rendered":"https:\/\/coraliewrites.ch\/blog\/?p=373"},"modified":"2025-11-25T09:19:22","modified_gmt":"2025-11-25T09:19:22","slug":"wie-loewenzahn-in-beton","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kahlimamag.ch\/blog\/wie-loewenzahn-in-beton\/","title":{"rendered":"Wie L\u00f6wenzahn in Beton"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich gestehe, dass mich die Weltlage nicht kalt l\u00e4sst. Wie kann sie auch? Ich sp\u00fcre den Weltschmerz in meiner Brust, da, wo mein Herz schwer wird, wenn ich mit offenen Augen durchs Leben gehe. Und doch gibt es etwas, was st\u00e4rker ist, als jegliche Kontrolle durch Politiker, elit\u00e4re Gruppen oder Extremisten; die Natur der Dinge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mir wurde einmal gesagt, ich soll keine Nachrichten mehr konsumieren, die Sozialen Medien meiden und den Blick stets nach der Sonne ausrichten. Es mag sein, dass ich dadurch ein beachtliches Stresslevel vermeiden kann und sich die Welt hinter dem sicheren Zaun meines Gartens harmlos anf\u00fchlt. Es ist auch nicht zu empfehlen den Geist stetig mit dystopischen Weltuntergangs-Szenarien zu f\u00fcttern und die eigene Lebensfreude langsam aber sicher in den Tiefen der mentalen Gesundheit zu vergraben. Die L\u00f6sung, ignorant der mir schleierhaften Ideologien gewisser Machthaber entgegenzutreten, scheint mir dennoch falsch zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Mensch mit einer ausgepr\u00e4gten Palette an Gef\u00fchlen und einem starken Empathie-Empfinden, ist es sicher von Vorteil, acht zu geben, mich regem\u00e4ssig vor den bitteren Schlagzeilen zu sch\u00fctzen, die sich mir t\u00e4glich aufdr\u00e4ngen. Dennoch, selbst wenn ich versuche in meinem kleinen Rahmen zu bleiben und die Welt, Welt sein zulassen, werde ich nicht von den Auswirkungen dieses immensen Ungleichgewichts verschont, das sich wie ein Virus immer mehr in der Gesellschaft auszubreiten scheint. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pl\u00f6tzlich stehen Freundinnen von mir ohne Arbeit da, perspektivenlos und ausgebrannt durch den gewaltigen Leistungsdruck im Nacken. Geplagt von st\u00e4ndigen Schuldgef\u00fchlen, sei es ihren Kindern gegen\u00fcber oder dem System. Sie verbringen schlaflose N\u00e4chte mit kreisenden Gedanken, ohne befriedigenden Antworten. Sie begleiten ihre Kinder zum Psychologen, der, selbst am Rande der Ersch\u00f6pfung, versucht, die L\u00f6cher zu stopfen, die durch die immense Erwartungshaltung von Aussen entstanden sind. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An allen Ecken wird geschraubt, geflickt, laut demonstriert oder leise ignoriert. Es wird beobachtet wie sich das Klima ver\u00e4ndert, wie sich Bedingungen erschweren. Es wir geforscht und analysiert, Erkenntnisse verbreitet. Wir sp\u00fcren es alle anhand des eigenen Nervensystems, wie sich die Schlinge immer enger zieht und chaotische Ereignisse erzeugt werden. Und obwohl wir alles zu wissen scheinen, die Zusammenh\u00e4nge erkennen, die L\u00f6sung vor Augen haben, scheint sich die Schere immer mehr zu weiten, die Kluft immer gr\u00f6sser zu werden zwischen arm und reich, links und rechts. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es scheint vieles so klar und doch ist unsere Sicht verschwommen. Als w\u00e4re die Ver\u00e4nderung, die die Welt wieder in Ordnung r\u00fcckt, hinter einem dicken Nebel verschleiert. Dabei k\u00f6nnte es so einfach sein, denn Wege f\u00e4nden sich, wie der L\u00f6wenzahn im Asphalt gedeihen kann. Man kann noch so viel zubetonieren, Strassen bauen und Z\u00e4une immer h\u00f6her errichten; B\u00e4ume k\u00f6nnen auch durch metallene Dr\u00e4hte wachsen, auch Kraut bahnt sich immer wieder seinen Weg. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und vielleicht liegt darin der Schl\u00fcssel; in der Stille, in den bescheidenen Bedingungen, die ausreichen zum Leben. Vielleicht m\u00fcssen wir lernen zu verzichten. Verzichten auf alles, was den Krebs f\u00fcttert, den unsere Gesellschaft auffrisst. Vielleicht m\u00fcssten wir entschleunigen, die Wirtschaft herunterfahren, weniger Geld anh\u00e4ufen, daf\u00fcr umso mehr Zeit. Weniger konsumieren, was von weit her kommt und mehr kultivieren was um uns liegt. Sp\u00e4ter aufstehen und fr\u00fcher ins Bett gehen. Weniger reden und mehr zuh\u00f6ren. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist gewiss nicht leicht aus dieser todes\u00e4hnlichen Spirale auszutreten, so wie es den Ameisen ergeht. Sie verfolgen die Pheromonspuren ihres Vorg\u00e4ngers und wandern bis zur Ersch\u00f6pfung einander hinterher. Es braucht Mut auszubrechen, wenn mit dem Finger auf einen gezeigt wird und wenn sich diese Spirale so vertraut anf\u00fchlt. Besonders f\u00fcr diejenigen, die es sich gem\u00fctlich gemacht haben darin, denen der eigene Weg nicht so erm\u00fcden und schwer erscheint. Es sind vor allem diejenigen, deren Leben ihnen wie ein endloser Kampf erscheint. Der Geldbeutel leer, Urlaub eine Wunschvorstellung, immer am irgendwo am Rande der Gesellschaft, die sich eine Ver\u00e4nderung w\u00fcnschen. Und doch betrifft es auch die am oberen Rand der Menschheit, wenn sich irgendwann kein medizinisches Personal mehr finden l\u00e4sst und das Wasser vergiftet ist. Wenn die Kriminalit\u00e4t nicht mehr nur eine weitere Schlagzeile in den Medien ist, sondern sich vor der eigenen Haust\u00fcr abspielt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich frage mich, wann ist es denn zu sp\u00e4t? Wie lange bleibt uns noch, um das Ruder umzureissen? Wie viele stauen noch Wut in sich an, resignieren oder werden immer lauter? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sind tr\u00fcbe Aussichten, ohnm\u00e4chtige Gedanken die mich plagen, wenn ich morgens die Augen \u00f6ffne und Abends unter meiner weissen Gewichtsdecke verschwinde. Doch es sind die Gedanken an Beton, durch die fr\u00fcher oder sp\u00e4ter immer wieder eine Pflanze wachsen wird. Der Beton sind die M\u00e4chtigen, der L\u00f6wenzahn sind wir, die Hoffnung in uns tragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich gestehe, dass mich die Weltlage nicht kalt l\u00e4sst. Wie kann sie auch? 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