Ich kam damals von einem Auslandsaufenthalt zurück – vier Wochen Kuba, zwei Tage USA. Während ich noch die Eindrücke der Reise in mir sortierte, suchte ich meinen Platz im Alltag wieder. Ich rief meine beste Freundin an und fragte, ob sie Lust hätte, auszugehen. «Was wollen wir tun?», fragte sie aufgeregt. Ich zuckte mit den Schultern. Wir konnten uns kaum entscheiden, wo wir den Abend verbringen wollten, und liessen am Ende eine Münze entscheiden. So landeten wir in einem ausgestorbenen Schuppen: Die Kellnerin putzte gelangweilt die Theke, ein paar verlorene Seelen sassen verstreut an Tischen. Meine Freundin und ich warfen uns naserümpfende Blicke zu.

«In zehn Minuten Fussmarsch ist ein Kino. Sollen wir nachsehen, was läuft?», schlug Ella vor. Ich nickte erleichtert. Doch als wir gerade zur Tür hinaus wollten, kamen ein paar Jungs herein. «Wo geht ihr denn hin?», fragte einer von ihnen. Sein Haar war nach hinten gekämmt, zwei Grübchen bohrten sich beim Lächeln in seine Wangen. «Wir wollten eigentlich weiterziehen – aber wenn ihr uns auf einen Drink einladet, bleiben wir gerne noch etwas.»

Die Jungs liessen sich nicht zweimal bitten und nahmen uns in ihrer Gruppe auf. Der Mann mit den Grübchen hatte es mir besonders angetan. Wir tauschten Nummern und verabredeten uns bald darauf wieder. Mir war schnell klar, dass ich diesen Mann wollte. Wir wurden ein Paar, und ein paar Monate später zog ich bei ihm ein.

Er war jemand, der nie lange in Beziehungen geblieben war – für mich damals der Beweis, dass ich etwas Besonderes sein musste, weil er sich für mich entschieden hatte. Doch nach der verliebten Anfangsphase wurde ich zunehmend verschlossener. Ich verlor meine Lebensfreude. Ich versuchte, in sein Leben zu passen, als wäre ich ein Puzzlestück, das sich mit aller Kraft in das falsche Gegenstück drückte. Wer war dieser Mann, der schweigend mit mir am Esstisch sass, spät nach Hause kam und sich wegdrehte, wenn ich nachts seine Nähe suchte?

Eine Traurigkeit legte sich über mich, ohne dass ich sie damals benennen konnte. Sein Umfeld bestand teilweise aus Exfreundinnen – sogar in meinem neuen Job arbeitete ich mit einer seiner Verflossenen zusammen. Er machte kein Geheimnis daraus, dass sie weiterhin eine wichtige Rolle in seinem Leben spielte. Wenn wir tanzen gingen, starrte er anderen Frauen hinterher und prahlte damit, unter welchem Rock er sich schon ausgetobt hatte. Ich lachte mit, doch innerlich bohrte es mir jedes Mal ein Messer ins Herz.

Eines Abends wollte ich ihn überraschen: Ich kaufte hübsche Dessous, pflegte meinen Körper, legte mir einen Bademantel über und wartete auf ihn. Er kam erschöpft von der Arbeit nach Hause, sah mich an – und verzog das Gesicht. «Was soll dieser Fummel? Sieht ja lächerlich aus!» Bam. Eine Ohrfeige ohne Hand. Ich zitterte. Ich wollte die Trennung. «Du bist so negativ und depressiv», zischte er. «Ich kann nicht mehr. Ich werde ausziehen», sagte ich. Er liess mich gehen.

Plötzlich zeigte er sich von einer neuen Seite. Er hinterliess butterweiche Nachrichten: «Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich dich vermisse, Johanna. Du bist die Liebe meines Lebens…» Ich blieb entschlossen und unterschrieb den neuen Mietvertrag. Er half mir beim Umzug, und wir verbrachten die wildeste Zeit unserer Beziehung. Es war aufregend, hemmungslos, unbeschwert. Ich vertraute ihm meine Tagebücher an – darin stand, wie sehr ich ihn liebte und dass ich mir immer gewünscht hatte, er würde der Vater meiner Kinder werden.

«Lass es uns nochmal versuchen», bat er. Ich wollte es auch – aber unter einer Bedingung: «Ich möchte mich sicher und geliebt fühlen. Und diesmal machen wir es richtig: Wir gründen eine Familie.»

Wir heirateten, ich wurde schwanger – und hatte Angst, ihm nicht mehr zu gefallen. Er kommentierte ständig die Körper anderer Frauen im Fernsehen, während er sich überwinden musste, mich zu berühren. Ich wollte, dass die Schwangerschaft schnell vorbeiging, damit ich mich wieder um meinen Körper kümmern konnte.

Die Bewertung meines Körpers war nichts Neues: «Johanna, du hast ein bisschen zugelegt… Johanna, deine Nase ist zu gross…» Bewertungen begleiteten mich seit der Kindheit.

Die erste Phase der Elternschaft war dennoch eine der glücklichsten meines Lebens. Markus war ein fürsorglicher Vater und stolz auf seinen Sohn. Doch als unser Kind älter wurde, zeigte er Eigenschaften, die Markus Mühe bereiteten: Sensibilität, ADHS – er passte nicht in die Norm. Statt mich hinter mein Kind zu stellen, verteidigte ich meinen Mann. Ich verbog mich, um ihm zu gefallen – auf Kosten unserer Kinder.

Manchmal, wenn ich im Wald spazieren gehe, schäme ich mich, dass ich nicht früher erwacht bin.
Wer war diese Frau, die stillschweigend die Wäsche von der Treppe einsammelte, nachdem er den Korb heruntergeschmissen hatte?
Wer war diese Frau, die den gesamten Haushalt alleine schmiss, Teller abwusch, den Garten pflegte, während er arbeitete oder mit Freunden unterwegs war?
Wer war diese Frau, die nur seine alten Gegenstände nachtragen durfte, während er sich immer wieder neue besorgte?

Nach unserem zweiten Kind erhielt ich ein Jobangebot. Markus stellte eine Bedingung: Wenn ich arbeiten wollte, musste ich die vollen Kosten der Kinderbetreuung übernehmen. Ich akzeptierte – aus Angst, den Anschluss zu verlieren.

Nach einem halben Jahr Teilzeitarbeit wuchs mir alles über den Kopf: Job, Haushalt in einem Siebenzimmerhaus, Garten, Kinder – ohne Unterstützung. Die Müdigkeit breitete sich in mir aus wie ein Virus. «Ich reisse mir hier den Arsch auf», sagte er eines Abends. «Du müsstest nicht arbeiten, willst es aber trotzdem. Und trotzdem bist du unglücklich.» Ich schlug vor, die Rollen aufzuteilen – 50/50. Doch gleich darauf belehrte er mich über unsere Löhne. Ich kündigte meinen Job.

Ich begann mit Network-Marketing. Es eröffnete mir neue Türen, aber meine Freiheit hatte ihren Preis: Die Kinder musste ich zu meinen Eltern bringen – er war nicht bereit, sie zu betreuen.

Auf meinen Reisen wurde mir bewusst, wie sehr ich unter dieser Beziehung litt: Mir kamen Bilder von Momenten, in denen er mich vor unseren Freunden blossgestellt hatte. Er nahm sich, was er wollte, wann immer er es wollte. Stand ich an der Spüle zum Abwasch, kam er von hinten auf mich zu und fasste mich an den Brüsten oder klatschte mir auf den Hintern. Wenn ich mich ihm näherte, rümpfte er die Nase und warf mir vor, nicht gut genug zu riechen. Mein Selbstbewusstsein wurde mit der Zeit immer kleiner. Ich hielt es nicht mehr aus. Doch da waren unsere Kinder, das Haus, meine finanzielle Abhängigkeit …

Eines Tages erzählte mir eine Freundin, sie habe sich von ihrem Mann getrennt. Sie erzählte von seinem Verhalten, und wie sehr sie unter dieser Beziehung gelitten hatte. Er hatte ihr gedroht, die Kinder wegzunehmen, im Falle einer Scheidung. In mir drin zog sich alles zusammen, denn in gewisser Weise erkannte ich eine Parallele zwischen unseren Beziehungen. Auch Markus hatte mir schon angedroht, sollte ich ihn verlassen, würde er mir die Kinder wegnehmen. «Mein Mann ist Narzisst», vertraute mir meine Freundin an. Ich schluckte. «Was heisst das jetzt?», wollte ich wissen. «Naja, das bedeutet, dass er ein krankhaftes Selbstbild hat und es unmöglich ist, mit so einem Menschen eine Beziehung zu führen. Entweder man akzeptiert alles, was dieser Mensch von einem verlangt, und geht dabei selbst zugrunde, oder man ergreift die Flucht.» Ich dachte noch lange darüber nach in den nächsten Wochen. Daraufhin informierte ich mich über das Thema Narzissmus, las Bücher und sprach mit Fachpersonen darüber. Mir war klar, es gab kein Zurück mehr. Ich musste da weg und für mich und die Kinder ein neues Leben aufbauen.

Auf einmal machte alles Sinn: meine Gefühle, meine Unsicherheit, meine Paranoia – es war, als würde sich eine Lawine von mir lösen; ich war nie das Problem gewesen, was für eine Erleichterung! Ich sagte ihm, dass ich ein Wochenende für mich brauche. Er war einverstanden und liess mich eine Auszeit nehmen. An diesem Wochenende schaute er, ohne Einwand, zu den Kindern, und als ich wieder nach Hause kam, war das ganze Haus geputzt und der Rasen gemäht. Zum ersten Mal in 20 Jahren hatte er den Haushalt erledigt. Ich war verunsichert: Lag ich womöglich doch falsch und hatte die Dinge einfach falsch gesehen? Hatten wir doch noch eine Chance? Am nächsten Tag machten wir als Familie einen Ausflug. Wir gingen in den Wald spazieren und luden Freunde ein. Ich unterhielt mich mit meiner Freundin, mein Sohn spielte mit dem Sohn unserer Freunde und unsere Tochter lief neben uns her. Als unser Sohn beim Herumalbern stürzte und unser Weitergehen dadurch blockiert war, baute sich Markus vor mir auf und warf mir vor, nicht genug auf die Kinder aufzupassen. Wir hätten einen entspannten Spaziergang haben können, aber ich hielt es nicht für nötig, die Kinder im Auge zu behalten. Ich spürte, wie in mir Hitze aufstieg. Da war eine brennende Wut unter meinen Rippen. Ich sah in den starren Augen aller Anwesenden, dass sie über Markus’ Ausbruch ebenso entsetzt waren. Für mich war klar: Mit ihm werde ich nicht alt.

«Was ist mit uns? Wie geht es weiter?», fragte er mich am Abend, nachdem die Freunde weg und die Kinder im Bett waren. «Es ist vorbei.“ Er war einverstanden und wandte sich von mir ab. Ich setzte mich aufs Sofa, nahm mein Smartphone in die Hand und scrollte lustlos in meinem Instagram-Feed herum. Wir schwiegen uns an und ich machte mir Vorwürfe. Sein Schweigen liess mich blöd dastehen. Als wäre ich schuldig am Scheitern unserer Ehe, als wäre es meine Schuld, dass die Kinder ihr gewohntes Familienleben verlieren würden. Ein paar Tage später sagte Markus zu mir: «Ich möchte das geteilte Sorgerecht und die Kinder sollen zur Hälfte bei mir leben.» Ich willigte ein, weil ich keine Kraft hatte, mich ihm entgegenzustellen, und, weil ich es ihm leicht machen wollte. Schon wieder wollte ich es ihm so bequem wie möglich machen – selbst die Trennung. Es brach mir das Herz, mir vorstellen zu müssen, dass die Kinder immer wieder ihre Koffer packen mussten, um vom einen Zuhause zum nächsten zu ziehen. Die Kinder bewunderten und liebten ihren Vater. Bei ihm hatten sie ihre Freiheit und waren oft auf sich allein gestellt. Nur ein paar Wochen nach unserer Trennung erfuhr ich von einer neuen Freundin an Markus‘ Seite. Es war die Ex, mit der ich früher mal zusammengearbeitet hatte. Jemand erzählte mir, dass Markus sie schon länger traf. Sie zog bei ihm ein, in unser altes Haus, und ich richtete mich in meiner neuen Wohnung ein.

Die erste Zeit war schwer. Ich musste lernen, dass die Kinder nicht mehr immer bei mir waren. Ich arbeitete wieder Teilzeit. An freien Tagen bot ich an, die Kinder zu betreuen – er lehnte ab und engagierte lieber eine Nachbarin oder liess sie allein.

Ich bereue einiges: das Wechselmodell, mein Schweigen, mein ständiges Beschützen von Markus. Ich habe aus Angst gehandelt. Doch ich habe auch Freiheit gefunden: Kreativität, Freundschaften, mein Network-Marketing.

Heute begleite ich Menschen, die sich selbst besser kennenlernen wollen. Ich arbeite als Coach und Autorin und liebe es, andere in ihr Potenzial zu führen. Heute weiss ich: Ich muss mich nicht in ein falsches Puzzle hineindrücken. Man darf sich Zeit nehmen, um das richtige Gegenstück zu finden.

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