Ich war noch ein Kind, als meine alleinerziehende Mutter ihr Erspartes in Reisen investierte, die meinen kleinen Rucksack mit einem grossen Erfahrungsschatz füllten. Wir reisten in Länder fernab der Touristenströme. In manchen Situationen lag eine unsichtbare Gefahr über unseren Köpfen, doch ich war zu klein, um sie zu begreifen.
Ich kramte Kleingeld aus meiner Tasche und drückte es in die rissigen Hände eines anderen Kindes. Ich dachte, wie viel Glück ich hatte, nicht betteln zu müssen. Meine Mutter lud Strassenkinder zum Einkaufen ein. Vielleicht gehörten sie zu Banden – wer weiss das schon. Doch ich überlegte, ob ich ihnen auch noch meine Kleider geben sollte; das Glitzern in ihren Augen liess Wärme in mir aufsteigen.
Wenn man in zwei Welten aufwächst, die unterschiedlicher nicht sein könnten, lebt man in ständiger Ambivalenz. Ein unaufhörlicher Widerstreit zwischen der Heimat meines Vaters und der meiner Mutter. Ein Wirrwarr der Gefühle, durchzogen von Wut und Trauer. Denn heute verstehe ich, dass diese Kinder von damals in eine Welt hineingeboren wurden, die ihnen ein hartes, gnadenloses Leben brachte.
In der Schweiz wird derzeit darüber debattiert, ob das Land eine Grenze ziehen soll. Ob zu viele Menschen vom Reichtum profitieren, den sich die Bevölkerung hierzulande erarbeitet hat – mit Fleiss und Disziplin, versteht sich. Doch ich frage mich: Woher kommt dieser Wohlstand eigentlich? Könnte es sein, dass er auch mit der Armut jener zusammenhängt, die mich in meinen Gedanken immer wieder besuchen?
Ich glaube nicht an eine Linie, die zeigt, wo eine Gesellschaft endet und eine andere beginnt. Ich glaube an eine runde, einzige Erde, die irgendwann entstand, immer wieder brach und sich neu entfaltete. Seit jeher gab es Tiere und Völker, die nach besseren Lebensbedingungen suchten. Sie zogen kilometerweit durch raue Steppen, bis sie Orte fanden, an denen Leben möglich war. Dieser Urinstinkt steckt in allen Wesen, durch deren Adern Blut fliesst und in deren Brust ein Herz schlägt.
Darum ist es das Natürlichste der Welt, dass Menschen auswandern, flüchten, eine neue Heimat suchen. Niemand möchte in einer Situation verharren, in der er oder sie leidet.
Es müsste keine Sorge geben um Platzmangel, fehlende Arbeitsplätze oder Kriminalität. Denn all diese Aspekte sind letztlich Symptome einer jahrzehntelangen Ausbeutung von Ressourcen, die anderswo fehlen. Man muss nicht spirituell sein, um das Gesetz der Polarität zu verstehen: Die Welt versucht stets, sich auszugleichen. Wo etwas fehlt, ist es anderswo im Übermass vorhanden.
Es mag sein, dass es für manche beängstigend ist zu sehen, wie die eigene Kultur sich verändert. Vielleicht bröckelt eine Fassade, die über Jahrzehnte aufrechterhalten wurde – ein weichgezeichnetes Bild der Schweiz, das es so nie wirklich gab. Wandel gehört dazu; er ist eine logische Folge der Globalisierung.
Wir können nicht Tomaten aus Spanien kaufen, die von geflüchteten Menschen mit Narben an Körper und Seele geerntet wurden und gleichzeitig jene abweisen, die Schutz suchen. Wir können nicht billige Kleidung tragen, die unter unmenschlichen Bedingungen hergestellt und ebenso empathielos entsorgt wird und dann die Menschen ablehnen, die sie nähen. Wir können nicht Reichtum anhäufen, indem wir Rüstungsgüter in Regionen verkaufen, deren Zivilbevölkerung wir später nicht tolerieren wollen.
Jede Handlung hat Folgen, auch die eines kleinen Landes, das sich fürchtet, im grossen Meer der Realität unterzugehen.
Was wir aber können, ist einander die Hände reichen, wenn es schwierig wird. Wir können annehmen, dass sich die Welt verändert. Und wir können uns fragen, ob wir wirklich in einer Welt leben wollen, die immer nur nach mehr verlangt: mehr Leistung, mehr Geld, mehr Arbeit, mehr Wachstum. Mehr. Mehr. Mehr.
Wäre es nicht sinnvoller, die Bremse zu ziehen? Zu entschleunigen, als Gesellschaft, als Mensch. Der Welt Raum zum Atmen zu lassen. Vielleicht braucht es statt weiterer Grenzen, Strafen, Gelder und Macht nur eines: die Fähigkeit, die Welt mit dem Herzen zu sehen.

