Eigentlich hätte es eine Reise mit meiner Mutter und meinen Kindern werden sollen, doch am Ende wurde es ein Drei-Generationen-Trip. Mein Sohn, der unaufhaltsam in die Pubertät schlittert, wollte nämlich um alles in der Welt lieber ins Basketballcamp, als mit drei Frauen nach Apulien zu reisen. I mean… bin ich wirklich schon in dem Alter, in dem mein Mamasein sich Richtung Unabhängigkeit und Ablösung bewegt? Ich bin noch nicht ganz so weit – mein grosses Kind hingegen schon. Und es fühlt sich an wie Schokolade mit Essiggurke: seltsam.

Plötzlich mache ich mir ernsthaft Gedanken übers Älterwerden. Irgendwie weiss man ja immer, dass es passiert. Doch lange liegt diese Tatsache unter den Schichten des Alltags begraben, bis sich etwas verändert. Die Kinder werden grösser, bewegen sich Richtung Erwachsensein. Und auf einmal ertappe ich mich dabei, wie ich meinen Kopf nach grauen Strähnen abscanne.

Wie dem auch sei: Es bleibt beim ewigen Spiel aus Annehmen und Loslassen. Ein weiser Lehrer sagte einmal: Es gibt nur eine Konstante im Leben – die Veränderung. Als ich darüber nachdachte, merkte ich, wie schön es eigentlich ist, dass mein grösseres Kind weiss, was es will und sich zutraut, eine Woche ohne uns zu verbringen. Ganz allein war er ja nicht – mein Freund kümmerte sich um ihn. Und ich war gespannt auf unsere kleine Frauenreise.

Wir kamen abends in Bari an. Was uns sofort auffiel: Es gab kaum Taxis, die am Flughafen auf Ankommende warteten. Wir mussten regelrecht danach suchen. Nach langem Warten fuhr endlich ein Fahrer ein, der uns in einer einstündigen Fahrt nach Matera brachte.

Eine Welt aus uralten Steingemäuern, Höhlenwohnungen, antiken Gassen und verwinkelten Pfaden tat sich vor uns auf. Unsere Unterkunft war ebenfalls eine Höhle, umfunktioniert zu einem modernen Appartement. Ein modriger Duft stieg uns entgegen, als wir mithilfe einer abwesenden Person, die uns per WhatsApp anleitete, die Tür öffneten.

Das Tiny-House in Höhlenform war elegant eingerichtet und versprühte eine mystische Atmosphäre. Doch als die Dunkelheit einzog, schlichen sich abstruse Gedanken ein. Die einzige Tür war eine Glastür, durch die Vorbeiziehende hätten hineinschauen können. Davor befand sich eine massive Bunkertür, allerdings ohne Schlüssel.

Als wir das Licht löschten, stellte ich mir vor, wie uns die Besitzerin oder der Besitzer (wir erfuhren es nie) einschliesst und wir für immer in diesem Verliess gefangen bleiben. Am nächsten Morgen, nur halbwegs ausgeschlafen, fand ich meine Fantasie lächerlich.

Dafür hatten wir es geschafft, ein kleines Möbelstück zu zerstören (wer es war, bleibt geheim). Natürlich nicht mutwillig, sondern aus Unachtsamkeit. Mir wurde trotzdem etwas schlecht. Wie würde die Person reagieren? Was würde es kosten? Zusammen mit der Glas- und der Bunkertür bekam die wunderschöne Höhlenwohnung plötzlich einen Gruselfaktor.

Wir entschieden uns, Matera zu verlassen und weiterzureisen. Zusammengefasst: Matera ist faszinierend – mit seinen Sassi, den historischen Höhlenvierteln aus Kalkstein. Ein Besuch lohnt sich. Bis in die 50er Jahre galt die Stadt als Schandfleck Italiens; die Menschen lebten in primitiven Verhältnissen, ohne Strom und fliessendes Wasser. In den 80ern wurde die labyrinthartige Stadt renoviert und gehört heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. Sie diente bereits als Kulisse für Filme wie The Passion of the Christ und James Bond – No Time to Die.

Einmal mehr standen wir vor der Frage, wie wir ohne Auto von Matera nach Alberobello kommen sollten. Das öffentliche Verkehrssystem Apuliens scheint nur etwas für absolute Kenner:innen zu sein. Weder Bus noch Taxistation waren auffindbar, obwohl Google Maps uns an einen Platz lotste, an dem angeblich beides existieren sollte. Stattdessen strandeten wir an einer Baustelle.

Uns blieb nur das Handy, und die Hoffnung auf einen Fahrer. Nach zehn Minuten hielt ein älterer Mann, den wir zuvor kontaktiert hatten, an. Schon nach kurzer Zeit wünschte ich mir, wir hätten doch länger nach einem Bus gesucht. Der Fahrer fühlte sich offenbar als italienischer Michael Schumacher. Wo 50 km/h angeschrieben war, raste er mit 150 durch alte Dörfer. Bei einem Hügelabschnitt glaubte ich sogar, das Auto hob kurz ab. Ich faltete die Hände zum Gebet.

Dem Universum dankend, kamen wir nach einer Stunde lebend in Alberobello an. Ein historisches Städtchen, in dem Menschen früher – und teilweise heute noch – in Trulli leben. Wer die Schlümpfe kennt, weiss, wie niedlich Schlumpfhausen aussieht. Genau so, nur noch schöner, wirkt Alberobello: kleine Steinhäuser mit Dächern wie Zwerghüte. Selbst die Kirche sieht so aus.

Wir übernachteten in einem dieser Trulli. Ich fühlte mich wie Mama Schlumpf, denn in der oberen Etage konnte man sich nur gebückt bewegen. Die Zimmer waren mit Vorhängen getrennt, der Holzboden knarrte bei jedem Schritt. Der Nachteil: Es war kalt. Wir hatten einen Regentag erwischt, und in den Steinmauern war es kaum wärmer als draussen.

Weiter ging es nach Monopoli – eine kleine, charmante Hafenstadt am Meer. Neben der übersichtlichen Piazza gibt es unzählige verwinkelte Gässchen, durch die wir schlenderten und Kakteen fotografierten.

Wer Meeresfrüchte liebt, kommt hier auf seine Kosten. Besonders Oktopus wird überall angepriesen. Seit ich aber weiss, dass diese Tiere neun Gehirne und drei Herzen haben – und die Weibchen, Männchen, die sie nicht mögen, mit Muscheln bewerfen –, finde ich Pulpo-Burger ziemlich traurig. Neun Hirne. Drei Herzen. Ein Bewusstsein für gesunde Beziehungen. Schon etwas Besonderes.

Natürlich gibt es auch viele andere Köstlichkeiten: Pizza, Pasta, Gelati an jeder Ecke. Kein Wunder, dass die italienische Küche die Welt erobert hat.

Die letzte Etappe war Bari, von wo aus wir zurückflogen. Den letzten Tag verbrachten wir in den verwinkelten Gassen der Altstadt.

Apulien ist eine besondere Region. Ein Hauch Magie liegt in der Luft – besonders in Matera, das einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Die Menschen waren unglaublich freundlich. Selbst die mysteriöse Person, deren Interieur wir zerstört hatten, zeigte sich dankbar, obwohl wir zuerst schlimme Befürchtungen hatten. Zum Beispiel, dass nach uns gefahndet würde. Vielleicht half es ja, dass wir, bevor wir die Höhlenwohnung verliessen, etwas Geld hinterlassen haben – für die Renovierung.

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