Die Nachtgedanken fallen wie kantige Kieselsteine auf sie herab. Hart. Unbarmherzig. Geformt aus Angst, Wut und dieser tiefen Verzweiflung, die sich meldet, wenn der Körper wieder brennt, zieht, sticht. Ein schonungsloser, unsichtbarer Jäger, der sie nie aus den Augen lässt.
Maevas Leben war schon immer von körperlichen Prüfungen durchzogen. Niemand kann genau sagen, wann sich ihr Alltag begann, um ihre Gesundheit zu drehen. Ein Arzt fragte sie einmal: „Waren Sie als Kind besonders gelenkig? Hatten Sie einen Unfall?“ Sie nickte zweimal.
Der Unfall geschah, als sie gerade ein Jahr alt war. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, ein krabbelndes Kind, eine Treppe, die wie ein Versprechen von Freiheit wirkte. Oder wie ein Abgrund. Sie kam der Kante zu nah. Und stürzte.
Der dumpfe Aufprall auf dem Betonboden ließ das Herz ihrer Mutter für einen kurzen Moment stehen. Dann das Weinen – ein Schrei, der Leben bedeutete. Mit gebrochenem Bein, Gehirnerschütterung und einem Schock, der tiefer saß als jede Wunde, kam sie ins Krankenhaus.
Knochen heilen. Das Unterbewusstsein nicht.
Als sie älter wurde träumte sie von Klippen, von endlosen Stürzen, von diesem freien Fall, der sich wie ein Loch im Magen anfühlte. Erst das Erwachen erlöste sie.
Als Teenager kam ein Schmerz im Fuß, der sie tagelang an Stöcke fesselte. Niemand wusste, warum. Und genauso leise, wie er gekommen war, verschwand er wieder. Maeva gewöhnte sich an das Stechen, Drücken, Zucken, Ziehen. „Es gehört dazu“, sagte sie sich.
Um sie herum klagten Freundinnen über Rücken, Verwandte über Hüften, Nachbarn über Fehlstellungen. Warum sollte ausgerechnet sie verschont bleiben?
Im Ignorieren war sie Meisterin. Im Herunterspielen eine Virtuosin. Später begriff sie, dass Stärke nicht bedeutet, alles auszuhalten, sondern hinzusehen. Sich Zeit zu nehmen. Den Körper sprechen zu lassen.
Vielleicht hielt sie sich für eine Maschine, die einfach funktionieren musste. (Auch Maschinen brennen durch – nur so nebenbei.) Also funktionierte sie weiter, in einem System, das unermüdliche Leistung fordert und keine Pausen kennt. Sie rannte mit im Hamsterrad – und zahlte mit dem Wertvollsten: ihrer Gesundheit.
Es folgten Operationen. Knochen wurden entfernt, Gewebe weggeschnitten, Strukturen stabilisiert. Zusammengeflickt, neu programmiert. Am Ende fühlte sie sich tatsächlich wie eine Maschine – nur eine mit Seele, mit Narben, mit Erinnerungen. Als hätte man ein Ersatzteil eingesetzt.
Doch was von der Natur geschaffen wurde, lässt sich nicht ersetzen.
Heute lebt sie mit dem Ziehen, dem Drücken, dem Sägen in den Gelenken. Mit Nächten, die kurz sind, und Tagen, die schwer an ihr hängen. Und dennoch: Sie war sich selbst noch nie so nah wie jetzt – nach Jahren der Innenschau.
„Mein Körper ist mein Kompass. Er reagiert auf die feinsten Schwingungen, auf alles, was nicht in meinen Rahmen passt. Ich bin ihm dankbar. Nicht er macht mich krank – es ist das Leistungssystem. Wir alle sollten rebellieren. Mit Ruhe. Mit Ausruhen. Mit Achtsamkeit. Für eine Welt, die uns nicht erst bricht, bevor wir lernen dürfen, auf uns zu hören.“

2 Gedanken zu „Die Sprache der Narben“
  1. Worte die andere Menschen so beschreiben, und uns das unvorstellbare näher bringen, liegt Dir sehr liebe Coralie! Danke für Maevas Geschichte – es erinnert mich so sehr an Mareike Fallwickl’s Roman: Und, alle so still. Die Sitlle Revolution. Eine Utopie. Ich bin dabei, aus der Ruhe die Revolution mitzutragen.

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