Es gab sie schon immer: die kleinen Geheimnisse, die ich vor meinen Kindern verborgen hielt. Hier ein Ohr ihres Osterhasen abgebissen, wenn sie längst in ihre Traumwelt abgetaucht waren; dort den Hello‑Kitty‑Lipgloss meiner Tochter ausgeliehen, den eigentlich niemand berühren durfte. Eine Art Gegenleistung für all die Lippenstifte, die sie mir schon entwendet hat. Harmlos, diese kleinen Klauereien, doch ich musste mir stets kreative Geschichten ausdenken, denn ihnen entgeht nie etwas. Wenn Kinder klein sind, ist es schon eine Herausforderung, hinter ihrem Rücken Essen zu verstecken oder ihre Schätze zu borgen. Doch sobald sie grösser werden, wird es zu einer beinahe kriminellen Aufgabe, sich etwas zu gönnen, von dem sie nichts wissen sollen.

Und dabei geht es längst nicht nur ums Essen. Im Leben einer Mutter gibt es unzählige Dinge, die verheimlicht werden müssen, weil die Folgen verheerend wären, wenn die kleinen Detektive dahinterkämen. Ich erinnere mich an die Zeit, in der ich nach langem Singledasein wieder angefangen habe zu daten. Ich fühlte mich, als würde ich meine Kinder betrügen. Die Telefonate und Treffen mit meinem jetzigen Freund fanden nachts statt. Und natürlich will man nicht im Schlafanzug und mit Gammelfrisur erscheinen, wenn man jemanden trifft. Also wurde um zehn Uhr abends – nachdem ich mich zwei Stunden mit der Schlafroutine abgemüht und vor Erschöpfung im Kinderbett eingeschlafen war – wieder geduscht und chic gemacht, als hätte der Tag gerade erst begonnen. Nach dem Date hiess es dann, die Spuren zu beseitigen. Nicht nur, weil ich den Kindern nichts erklären wollte, sondern auch für mich selbst: um mich wieder in den Modus der Mutter einzuloggen. Denn zwischen Muttersein und Frausein liegen Welten, die sich manchmal kaum in Worte fassen lassen.

In den Augen der Kinder sind wir Mütter eine Art Heinzelfiguren, die Erledigungen fast automatisch bewältigen. Wir wissen alles, wir können alles – zumindest, wenn es um lebenswichtige Angelegenheiten geht. Ab einem gewissen Alter gibt es eine unsichtbare Grenze für alles, was Spass macht und nicht in den Sektor „Leistung“ fällt. Neulich habe ich mich mit meinen Kopfhörern im Bad eingeschlossen, um Musik zu hören. Denn tagsüber Musik anzumachen gleicht einer Unmöglichkeit. Fast zu jeder Tageszeit dröhnen Thizzy 52, la Mano, Zahide oder Nina Chuba aus irgendeiner Ecke. Und ausserdem scheint es für meine Kinder einfach ultra peinlich zu sein, wenn ich Musik höre. Vom Tanzen ganz zu schweigen. Ich sei zu alt dafür, hat man mir gesagt.

Wenn meine Tochter vor dem Spiegel ihre Tänze einstudiert, lächle ich müde und erinnere mich an die Momente, in denen auch ich vor dem Spiegel zu Destiny’s Child und Christina Aguilera gesungen und getanzt habe. Vielleicht steigen mir deshalb fast immer die Tränen in die Augen, sobald Julia Stiles auf meinem Insta erscheint, weil mit ihr und Save the Last Dance ein Teil in mir aufleuchtet, der irgendwo schlummert, aber seit Ewigkeiten auf stumm geschaltet wurde.

Und ich frage mich, ob es wirklich die Kinder sind, die von uns Müttern eine Rolle verlangen, die unermüdlich leistet, gibt und funktioniert. Vielleicht ist es ein System, das uns einredet, wir müssten unser Vergnügen hinter der Badezimmertür suchen, weil wir sonst versagt hätten. Das Leben vieler Mütter jenseits des Haushalts findet nachts statt: Filme schauen, wenn die Kinder schlafen. Nachrichten schreiben, wenn die Kinder schlafen. Musik hören und tanzen, wenn die Kinder schlafen. Dates haben, wenn die Kinder schlafen. Ein Buch lesen, wenn die Kinder schlafen.

Wenn ich an meine eigene Mutter zurückdenke, erinnere ich mich daran, dass sie vor allem leistete. Doch eines liess sie sich nicht nehmen: ihre Bücher. Sie las, auch wenn wir zuhause waren. Dafür blieb die Wäsche manchmal tagelang liegen. Erst jetzt, da sie nach jahrzehntelangem Arbeiten endlich in Rente gehen konnte, sehe ich, wie eine Frau zum Vorschein kommt, die das Leben auskosten möchte, das sie so lange zurückhalten musste. Und ausgerechnet jetzt hatte sie einen Unfall und ist eingeschränkt. Für mich ist das eine Botschaft: dass wir Mütter nicht auf den richtigen Moment warten sollten, um unser eigenes Ich wieder freizulassen. Sondern dass es im Alltag Platz haben darf – auch tagsüber, im Wohnzimmer, mit Schokolade und laut aufgedrehter Musik.

Eine kleine Mamalution 🙂

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