Glitzernde Bergseen, atemberaubende Alpenkulisse, saftige Blumenwiesen – die Schweiz hat vieles zu bieten, besonders im Sommer. „Hier zu bleiben lohnt sich auch“, hörte ich Stimmen sagen, die mir Mut machen wollten, weil wir nicht in die Ferne reisten. Weit weg von den zehrenden Verpflichtungen des Alltags.

Ich stellte mir die Sommerferien für einmal weniger anstrengend vor. Diesmal buchte ich keinen Ferienpass. Meine Mutter ist jetzt in Rente und würde zum ersten Mal in meinem Leben richtig Zeit für mich haben. Sie wollte die Kinder hin und wieder betreuen und mit ihnen Ausflüge unternehmen. Sie hat immer gearbeitet – seit ich denken kann.

Endlich war da eine Grossmutter, die ich jederzeit (zumindest fast immer) anrufen konnte. Sorglos startete ich in die erste Ferienwoche. Mein Sohn hatte kurz zuvor Geburtstag gehabt. Sein Geschenk von meiner Mutter war eine Reise nach London. Aufgeregt trat er das Abenteuer am Montag an, während ich mit meiner Tochter eine Mädchenwoche plante. Wir besuchten einen Gnadenhof, gingen Eis essen und verbrachten die Tage im Schwimmbad. Doch ich spürte eine leise Anspannung in mir, die sich durch die Woche zog, und war froh, dass es nun nicht mehr lange dauern würde, bis mein Kind wieder von London heimkehren sollte.

Am letzten Tag zählte ich schon fast sehnsüchtig die Stunden. „Jetzt müssten sie im Flugzeug sitzen“, sagte ich mit einem wohligen Seufzer zu meiner Tochter. Dann kam der Anruf. Darauf folgte Fassungslosigkeit: Ein verpasster Treppenabsatz, ein Sturz, zwei blaue Füsse, die immer weiter anschwollen. Meine Mutter lag, von einer Menschentraube umkreist, am Boden. Das Flugpersonal weigerte sich, sie mitfliegen zu lassen. „Wir müssen wieder zurück nach London ins Krankenhaus“, sagte sie am Telefon. Mein Herz klopfte. Der Atem wog schwer durch meinen Brustkorb. Ich tigerte in der Wohnung hin und her, hoffend, es wäre alles nur halb so wild. Vielleicht hätte sie sich nur den Fuss verstaucht und könnte mit dem nächsten Flug nach Hause kommen.

Meine Hoffnung wurde leiser, als ich die Diagnose erfuhr: Dreifachfraktur. Ich stellte mir vor, wie sie da auf einem Sessel sass – stundenlang, kaum untersucht, kaum versorgt. Ich stellte mir mein Kind vor, wie es sich zu Tode langweilte und sein junges Herz aufgeregt gegen den Brustkorb hämmerte. Wie es die Nacht allein in einem kalten Zimmer mit grellem Licht verbringen musste, ohne Handyakku und vertrautes Gesicht. Ich brachte kein Auge zu, weil ich wissen wollte, wie es weitergehen würde.

Am nächsten Morgen kam die erlösende Nachricht: Sie könnten mittags zurückfliegen. Wir holten sie ab und brachten sie direkt ins Krankenhaus. „Es war die Hölle“, erklärte mir meine Mutter. Ich konnte die Erschöpfung und den Schock in ihren Augen sehen. Sie sei noch nie so froh gewesen, wieder in der Schweiz zu sein. Sie erzählte, wie sie vom Personal im Krankenhaus im Stich gelassen wurde. Wie ihr niemand eine Thrombosespritze für den Flug verabreichen wollte. Wie sich eine Angestellte weigerte, für sie ein Taxi zu rufen oder sie zumindest mit dem Rollstuhl zum Telefon zu schieben, damit sie selbst anrufen konnte. Zum ersten Mal spürte sie, wie es sich anfühlen muss, wenn man wie Dreck behandelt wird, obwohl man auf Hilfe angewiesen ist. Wie es anderen ergehen muss, die weniger privilegiert sind; Menschen im Krieg, die noch schlimmere Verletzungen haben und keine Behandlung, die ihr Leben retten könnte.

Im Bieler Krankenhaus wurde neben dem Dreifachbruch im einen Fuss auch eine einfache Fraktur im anderen Fuss festgestellt.

Zwei kaputte Füsse, die sie normalerweise durch den Alltag tragen. Zwei so wichtige Körperteile, von denen nicht nur ein Leib abhängig ist, sondern ein Laden und seine Waren, die nun in Stille auf ihren nächsten Einsatz warten müssen. Eine Tochter, die auf ihre Arbeit und Vorhaben verzichten muss, weil ihre Fremdbetreuung ausfällt. Enkelkinder, deren Pläne verschoben werden müssen, weil ihre liebe Oma gerade nicht verfügbar ist. Eine Wohnung, deren liebevolle Einrichtung nicht mehr gepflegt werden kann. Eine Reisegruppe, die sich auflösen musste, weil die Initiantin Bettruhe benötigt. Ein See, der auf seine treuste Schwimmerin verzichten muss. Doch am schwierigsten ist es für meine Mutter, sich nicht mehr wie sie selbst zu fühlen. Ein Gefühl, das ich so gut kenne, weil ich selbst erlebt habe, auf Eis gelegt zu werden.

Es wirkt wie eine leere Floskel, wenn man sagt: Das Leben kann sich so schnell ändern. Dabei ist es die grösste Wahrheit, die es gibt. Nichts ändert sich so schnell und so unvorhersehbar wie die Umstände des eigenen Seins. Von einer Sekunde auf die andere können sich Realitäten verschieben. Niemand warnt einen davor, wie schwierig es sein kann, seine eigene Identität aufzugeben, wenn man plötzlich nicht mehr die Macht hat, über sich selbst zu bestimmen. Niemand sagt einem, wie schwer es ist, Hilfe anzunehmen.

Wir gehen durchs Leben, als gäbe es kein Ende. Als wäre die Endlichkeit eine Fantasie. Wir schrauben an der Wirtschaft, als wären wir der Schlüssel, der die Welt ins Paradies führt. Dabei vergessen wir, dass wir nur Besucher sind auf dieser Erde, deren Kostbarkeit mit keiner Leistung, keinem technischen Fortschritt, keiner materiellen Anhäufung in Ehre gehalten werden kann. Was uns bleibt, ist nur der Moment und die Liebe. Momente, die für immer in Erinnerung bleiben, und Liebe, die über Generationen weitergetragen wird.

Unfälle und Krankheiten erinnern uns daran, dass Kontrolle eine Illusion ist. Manchmal sind sie wichtige Botschafter für die Geschichten, die in uns leben und durch sie nach aussen getragen werden möchten. Manchmal sind sie da, um uns eine weitere Chance zu geben. Und manchmal warten wir vergebens auf eine Erklärung.

Aber was ich weiss, ist, dass ich mich wieder erinnern darf – an meine eigene Zerbrechlichkeit. Dass es wieder Zeit ist, tiefer zu blicken. Mehr im Innern zu sein, mehr bei mir. Mehr zu ehren, was ich bin und was ich habe. Denn wir wissen nie, was morgen kommt.

Deshalb: Lass jeder Tag ein guter Tag für ein Change sein.

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